Kultur : Der Teufel ist eine Frau

Wilson light: „Doctor Faustus lights the lights“ am Berliner Maxim Gorki Theater

Peter Laudenbach

An der Berliner Volksbühne, bei Castorfs „Meister und Margarita“, war der Teufel ein schmieriger Gangster, ein gelangweilter Entertainer in der Gestalt von Henry Hübchen. Am Maxim Gorki Theater ist er ein Vamp mit sehr langen Beinen und vielversprechend anzüglichem Grinsen: Breitbeinig steht Jacqueline Macaulay als Mephisto an der Bühnenrückwand und beobachtet einen schwitzenden, um sich selbst herumtänzelnden Doktor Faustus, der gerade versucht, das elektrische Licht zu erfinden.

Tilo Nest verwandelt diesen Faustus in einen etwas schwerfälligen Rockmusiker, einen ungewaschenen Großstadtcowboy, der völlig zu Recht vom Leben nicht mehr viel zu erwarten scheint. Seine lange Haare sind grau geworden, die Pausbäckchen künden davon, dass ihm schon lange die Gemütlichkeit lieber ist als der Exzess. Vom faustischen Streben nach Erkenntnis und – wir sind in einem modernen Märchen – nach elektrischem Licht ist nur noch die narzisstische Pose übrig geblieben. Und so steht er jetzt zappelnd im Lichtkegel und vollführt ein wenig behäbig seine Pirouetten, streckt seine Arme gen Bühnenscheinwerfer, stolpert über die Drehbühne und berauscht sich mühsam an seinen Monologen. Ein Porträt des Doktor Faustus als alter Schwadroneur und eitler Versorgungsfall, womit das Ende des Wissenschaftsoptimismus und die Krise des deutschen Bildungswesens nun auch im Theater angekommen wäre. Nur seine aus der Ferne begehrte Geliebte, ein sprödes und absolut hinreißendes Wesen namens Margarite Ida Helena Annabell verleiht dem ranzig gewordenen Faustus und der gesamten Aufführung Glanz, Zauber und ein Leuchten, wie man es am Gorki Theater lange nicht gesehen hat. Bettina Hoppe ist die Schauspielerin, die diese Margarite zu einem Ereignis macht. Sie singt, und man schmilzt hin. Sie spielt mit einer Schlange, und man schaut ihr gebannt zu. Sie verschmäht Faust, und man möchte nicht an Fausts Stelle sein.

Michael Simon, der vor Jahren an der Volksbühne („Black Rider“) und auch an der Schaubühne Aufsehen erregte, ist nach Berlin zurückgekommen und hat am Maxim Gorki Theater Gertrude Steins so legendären wie vertrackten Text „Doctor Faustus lights the lights“ inszeniert, ein 1938 geschriebenes Stück, das man ohne Übertreibung als Mutter aller postmodernen Theaterschlachten bezeichnen kann. Die Sprache ist darin weniger ein Mittel zur Kommunikation als ein raffiniert gespieltes Musikinstrument, das im Delirium der Assonanzen und Alliterationen, der Wiederholungen und rhythmischen Muster alle Sinnzusammenhänge und die Zwänge der Semantik auflöst. Das klingt dann zum Beispiel so: „Oh wo, oh wo, wo ist fort, ist dort.“

Die sprachlichen Zeichen verweisen kaum noch auf eine Wirklichkeit, sondern vor allem auf sich selbst, das aber auf virtuose und elegante Weise. Linguisten würden sagen: Den Signifikanten ist ihr Signifikat abhanden gekommen, jetzt können sie mit sich selbst spielen. Die alte Geschichte vom Doktor Faustus wird weniger erzählt als aufgelöst im Singen und Schwingen der Laute und Echos – ein Vorgang, der eine eigene, durchaus bezaubernde Komik entwickelt.

Michael Simon versucht, diesen Vorgang szenisch einzuholen. Nur leider sind die Mittel, die ihm dafür zur Verfügung stehen, lange sich so elegant, leicht und kunstvoll wie die Sprachmusik Gertrude Steins – und wie es Robert Wilson vor einem Jahrzehnt mit seiner kühl formalisierten Inszenierung des Stücks am Berliner Hebbel Theater vorgemacht hat. Wenn sich Simons Schauspieler über die Bühne bewegen, entstehen keine zwingenden Bilder, sondern schwerfällige Gymnastik. Wenn es lustig werden soll und ein Schauspieler, gejagt vom Licht eines Scheinwerfers, die Bühnenwände hochklettert und dort Kopulationsbewegungen absolviert, wirkt das nur peinigend lächerlich. Skurrile Figuren wie zwei Vogelmenschen in weißem Federkostüm, zwei alte Kinder mit grauen Haaren oder ein Hund, der ständig „Dankeschön“ sagt, sind nichts als kleine, harmlose Lachnummern. Simons gelegentlich raffiniertes Spiel mit Lichtquellen, mit Schatten und Überblendungen bleibt beim reinen Oberflächeneffekt stehen, bei der Wirkung ohne Ursache. Es verpufft sofort und entfaltet weder Bedeutung noch poetische Kraft. Die Bühne, die der Regisseur selbst entworfen hat, ist denkbar simpel: Auf der Rückwand eine riesige schwarze Schrift, vier Buchstaben wie Säulen: HIER. Wenn die Drehbühne rotiert, wird auf der Rückseite ein kleines Schild sichtbar: „Dort“. Das sind so die harmlosen Scherze, zu denen in dieser Inszenierung das Spiel mit den Zeichen regrediert. Und wie die Drehbühne ständig im Leerlauf kreist, so scheint auch die gesamte Inszenierung vor allem um sich selbst zu kreisen. Ein wenig selbstverliebt, ein wenig nett – und ziemlich belanglos.

Weitere Aufführungen am 29. November

und am 7., 8., 16., 20. und 31. Dezember.

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