Kultur : Der Thomaskantor lässt grüßen

Eckart Schwinger

Wenn der Bach-Spezialist aus Gent in Berlin ein Konzert dirigiert, dann muss es sich mittlerweile nicht mehr unbedingt um Musik des Thomaskantors handeln. Aber im stilistischen Umfeld Bachs bewegen sich seine Programme gleichwohl. Und so arbeitet Philippe Herreweghe auch bei seinem Abend im Konzerthaus mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester und dem Rundfunkchor Berlin Bachs Bedeutung für Strawinsky wie für Mozart heraus. In der "Psalmensinfonie" mit ihren Spurenelementen von russisch-orthodoxer Liturgie, Gregorianik und Psalmodie spielt Strawinskys Neigung zur polyphonen Ausdruckswelt Bachs eine geradezu bekenntnishafte Rolle. Die vielbewunderte Fugenpyramide im zweiten Satz hat dazu beigetragen, dass Strawinskys "Psalmensinfonie" zu den kompositorischen Wunderwerken des 20. Jahrhunderts zählt.

Während Herreweghe im ersten Satz die kompromisslose Schärfe und rhythmische Unerbittlichkeit noch schuldig blieb, gewann der dritte Satz mit einer an russische Ikonen gemahnenden glühenden Leuchtkraft ein klares Profil. Dabei inspirierte Herreweghe Chor und Instrumentalisten beim bewegten "Laudate Dominum" zu außerordentlichem Facettenreichtum.

Wie es um Mozarts Bach-Erlebnis bestellt ist, macht Herreweghes Interpretation der Messe in c-Moll KV 427 unmissverständlich deutlich. Dabei arbeitete er keineswegs nur die altmeisterlichen Kompositionstechniken à la Bach heraus, sondern auch die harmonischen Sensationen. Der flämische Dirigent ließ es weder an deklamatorischer Strenge noch an farbreicher Expressivität fehlen. Unter Herreweghes souveräner, impulsiver Leitung glänzten die Solisten (Miah Persson, Véronique Gens, Jan Kobow, Sebastian Noack), das RSB wie der Rundfunkchor gleichermaßen: mit funkelndem Belcanto und heiterer Transparenz. Miah Persson sang mit quellfrischem Espressivo das "Et incarnatus" als Herzstück des Abends.

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