Kultur : Der tiefste Brunnen

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„Bitte keine Besuche“ stand auf dem Schild an der Einfahrt zur Casa Camuzzi in Montagnola. Gunter Böhmer hatte es gemalt, um seinen Freund Hermann Hesse vor den Scharen zu bewahren, die zu dem verehrten Nobelpreisträger wallfahrteten. Kam doch jemand zu Besuch, so erinnert sich Böhmer, fügte sich Hesse: „Ja, daran ist nichts zu ändern.“ Das Schild gibt es heute nicht mehr. Die neuen Eigentümer der Villa im Tessin schützen sich mit Gegensprechanlage, Videokamera, Gitter und zwei zierlichen Legionärsstatuen. Der Weg dahinter verliert sich wie eh und je im Grün.

Wohin soll sich also die Schar von Kollegen wenden, die den Dichter von „Knulp“, „Siddharta“ und „Das Glasperlenspiel“ zum 125. Geburtstag am 2. Juli feiern möchte? Nach Calw, dem Geburtsort? Nach Gaienhofen? Oder doch zumindest zum Turm der Villa Camuzzi, dem Hesse-Museum? Niemand mag das entscheiden. Lieber wird in der Hommage „Mein Hermann Hesse“ geplaudert. „Erst als mein Vater starb“, so Jürg Ammann, „und ich die gehütete schöne hellblaue Leinenausgabe von seiner in meine Bibliothek überstellte, nahm ich ihn (Hesse) wieder in die Hand“. Ludwig Harig nickt: „Du bist der tiefste Brunnen, draus zu trinken / wird uns im Leben oft die Angst verleiten“. „Hesses Vision im Steppenwolf: von einem Hochstand aus die dröhnenden Automobile zu erlegen“, schüttelt Volker Braun lächelnd den Kopf, das „ist ein begreiflicher Vorschlag, den ich nicht billigen kann.“

„Manchmal fühlten wir uns gleichsam dem Buch Unterm Rad entsprungen“, erinnert sich Günter Herburger, „selbstmitleidig darbend, aber als Steppenwölfe seilten wir uns nachts aus Dormentfenstern ab, gingen auf Äckern Kartoffeln stehlen oder schlugen uns zum zerstörten Ulmer Hauptbahnhof durch, der in der amerikanischenZone lag, um dort schwarzzuhandeln, Lucky Strikes, die Stange für 1000 Reichsmark.“

„Am 1. September 1956, nach einer Fahrt über den Julier“, fällt Werner Dürrson ein, „stand ich, angemeldet und willkommen geheißen, vor der Tür des Dichters in Montagnola, der mich aufs freundlichste empfing. Unfasslich, dass er mich, nach der üblichen halben Stunde, nicht verabschiedete, vielmehr mit Frau Ninon um Mittagessen dabehielt, nachdem er gefragt hatte, Mögen Sie Zander, und ich verlegen bejahte, obwohl ich damals nicht wusste, was das war.“ Herburger guckt neidisch. Er stand vor dem Schild „Bitte keine Besuche“ und sah „eine schwankende Gestalt, die sich als Purrmann vorstellte, dröhnend, der Nobelpreisträger sei unzugänglich. Der zornige Kerl öffnete seinen Hosenladen und pieselte knurrend, nein, schiffte, brunzte den Abhang hinunter. Ein Zeitalter war zu Ende.“ Jörg Plath

Heute um 20 Uhr stellt der Herausgeber Uli Rothfuss im Berliner Literaturhaus die Hommage „Mein Hermann Hesse“ (edition q) vor.

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