Kultur : Der Tintinnabulist

Musik, die schweigen will: Zum 70. Geburtstag des Komponisten und Wahlberliners Arvo Pärt

Gregor Dotzauer

Als Arvo Pärt Mitte der Achtzigerjahre mit einer einzigen Platte seinen Weltruhm begründete, da machten die Kompositionen auf „Tabula rasa“ noch einmal den Slogan wahr, den Manfred Eicher für sein Label ECM geprägt hatte: „the most beautiful sound next to silence“. Tatsächlich ist die Musik des Esten Pärt so nah an der Stille entlang geschrieben wie nur noch die des Amerikaners Morton Feldman. Doch während Feldman die Moderne an ihr äußerstes Ende trieb und in Streichquartetten an der Grenze zur Hörbarkeit verenden ließ, da versuchte Pärt hinter sie zurückzugelangen, zurück in die Gregorianik, in eine ungefährdete Tonalität – als wollte er aus der Zeit überhaupt ausbrechen und einen Ort finden, an dem Schönheit einfach möglich ist und das Einfache schön.

Tintinnabuli heißt der Begriff, den Pärt für seine Ästhetik geprägt hat. Abgeleitet vom lateinischen tintinnabulum (Glocke), hat er einen auf Anhieb erkennbaren Klangkosmos um die Idee des Glockenklangs herumgebaut und ihm mit dem Haiku-Motto des Zenmönchs Basho auf seiner zweiten ECM-Aufnahme „Arbos“ (im Gedenken an den russischen Filmemacher Andrej Tarkowskij) einen auch sprachlich angemessenen Ausdruck verliehen: „The temple bell stops/but the sound keeps coming/out of the flowers“.

„Vieles und Vielseitiges verwirrt mich nur, ich muss nach dem Einen suchen“, hat Part dazu erklärt. „Was ist das, dieses Eine, und wie finde ich Zugang zu ihm? Es gibt viele Erscheinungen von Vollkommenheit: Alles Unwichtige fällt weg. So etwas Ähnliches ist der Tintinnabuli-Stil. Da bin ich alleine mit meinem Schweigen. Ich arbeite mit wenig Material, mit einer Stimme, mit zwei Stimmen. Ich baue aus primitivstem Stoff, aus einem Dreiklang, einer bestimmten Tonalität. Die drei Klänge eines Dreiklangs wirken glockenähnlich.“ Ob es in seinen Instrumentalpartituren wirklich Glockenklänge gibt oder sie in seinen Vokalkompositionen mit meist liturgischen Texten aufgehen: Die Spiritualität, nach der Pärt sucht, ist die gleiche, und ihre Intensität so hoch, dass sich von Anfang an die besten Musiker von ihr angezogen fühlten – allen voran Gidon Kremer und Paul Hillier mit seinem Hilliard Ensemble.

Dabei ist Pärt, wie sein Biograf Paul Hillier, heute Leiter des Theatre of Voices, in seinem Buch „Arvo Pärt“ bei der Oxford University Press darstellt, jahrzehntelang durch die verschiedensten Modernismen und eine Musik des Schmerzes und der Angst gestolpert. Erst Mitte der Siebzigerjahre fand er zu seinem Tintinnabuli-Stil und konnte nach dem endgültigen Zerwürfnis mit dem Sowjetregime 1980 nach Wien ausreisen, ein Jahr später gelangte er nach Berlin, wo er seither lebt.

Zum 70. Geburtstag des Wahlberliners am heutigen Sonntag sind zwei neue CDs erschienen, die von der Größe seiner Musik künden, aber auch von der Gefahr, der sie ausgesetzt ist. „Lamentate“ (ECM New Series), ein zehnsätziges Konzert für Klavier und Orchester, ist eine Hommage an Anish Kapoors in der Londoner Tate Modern Gallery ausgestellten Marsyas-Skulptur. Es bestätigt nicht nur jeden, der argwöhnt, Pärt sei ein Opfer seines eigenen Stils geworden, es hat auch einen Hang zum mystelnden Kitsch, den es bei Pärt bisher nicht gab. „Arvo Pärt – A Tribute“ (harmonia mundi usa) enthält – unter der Leitung von Hillier – dafür eine überzeugende Zusammenstellung von Vokalwerken aus den letzten 15 Jahren – und mit „Solfeggio“ einen Ausflug in die Vor-Tintinnabuli-Zeit von 1964.

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