Kultur : Der Tod in meinem Bett

Einsamkeit und Natur (I): Die europäische Koproduktion „Dina – meine Geschichte“ ist ein Genuss der aparten Art

Jan Schulz-Ojala

Europudding schmeckt nicht. Zu diesem Ergebnis ist die europäische Filmverkostergemeinde irgendwann in den Neunzigern gekommen – und so sind die hochbudgetierten internationalen Breitwand-Patchwork-Produktionen zwecks Anrichtung gediegener Filmstoffe von möglichst paneuropäischem Interesse vom Kino-Speiseplan weitgehend verschwunden. Stattdessen setzt sich die – nicht selten deftige – Regionalküche oft auch international durch. Das immer wieder bemühte Europa der Vaterländer: Wenn es denn funktioniert, dann funktioniert es auch im Kino genau so.

Schwamm drüber, ausgewischt die Schüssel mit dem Euro-Hollywoodzeug, möchte man meinen. Doch Vorsicht, manches lagert da noch in der Tiefkühltruhe. Frisch aufgetaut erreicht uns die norwegisch-deutsch-schwedisch-französisch-dänisch-britische Koproduktion „Dina – meine Geschichte“, und noch einmal wackelt der Pudding gewaltig. Es geschah im Jahre 1988, dass die norwegische Autorin Herbjorg Wassmo mit ihrer „Dina-Trilogie“ über das Schicksal einer tapferen Einöd-Gutsbesitzerin aus der Mitte des vorvorigen Jahrhunderts ein nordeuropäisches Millionenpublikum in den Bann zog – und schon damals, als mancher Literatur-Weltbestseller wie „Das Geisterhaus“ oder „Der Name der Rose“ immerhin zu Pudding-Massenprodukten wurde, reifte in Norwegen und Dänemark der Traum des womöglich welterobernden „Dina“-Projekts. Deutsches und französisches Geld kam aus allerlei Quellen hinzu, prominente Schauspieler wie Gérard Depardieu und Christopher Eccleston gesellten sich zum norwego-schwedo-dänischen Ensemble, und im Frühling 2001 endlich startete man ins von einigem Kunstwollen beseelte und mit 16 Millionen Euro auch durchaus aufwendige Kino-Abenteuer.

Leider zeigten sich die skandinavischen Zuschauer nur mäßig angetan von der eher genialischen als kongenialen Literaturverfilmung. Dabei bietet das opulente 103-Minuten-Werk, für dessen Regie der bislang allein mit dem Thriller „Nightwatch“ hervorgetretene Däne Ole Bornedal verpflichtet wurde, bestechende nordnorwegische Landschaftsbilder sowie viel Musik fürs Geld. Vor allem Cello: Jenes in gewissen Filmen gerne mit schönschenkligen Frauen in Verbindung gebrachte Instrument tröstet auch Dina (Maria Bonnevie) in dramatischen Augenblicken über ihr Kindheitstrauma hinweg: Als kleines Mädchen arglose Verursacherin eines Unfalls im Waschhaus, bei dem ihre Mutter im kochenden Zuber zu Tode kam, geht sie der Liebe ihres strengen Vaters verlustig. Und lebt, herangewachsen zum blühenden Weibe und fortwährend heimgesucht vom Geist ihrer toten Mutter, eine im Kern glühend einsame Existenz, deren tiefster Trost es zu sein scheint, unglücklichen Männern buchstäblich über die Klippe zum Tod zu verhelfen. Ein solches Schicksal nimmt auch ihr Ehemann Jacob (Gérard Depardieu), schon bald, nachdem er vor versammelter Dorfgemeinschaft die Worte gerufen hat: „Ich schwöre beim allmächtigen Gott, dass ich mich nie wieder wie ein Hengst aufführen werde!“

Wie ein Hengst allerdings führt Depardieu sich in diesem Film ausnahmsweise gar nicht auf. Es ist eher die stramme Stute Dina, die der ländlichen Männerwelt, man verzeihe das Bild, die Sporen gibt und alsbald klagt, Jacob benehme sich „wie ein altes Pferd, das nicht mehr geritten werden will“. Doch schon springt der Stallbursche Thomas in die Bresche, mit dem sie vor grandiosen Bergpanoramen gewisse Freiheiten genießt, und alsbald nähert sich zu Fjorde der mysteriöse Russe Leo (Christopher Eccleston), der Dina zwar nicht neuerlich in den Hafen der Ehe, wohl aber in eine nunmehr von Puschkin-Poesie grundierte Verzückung zu bringen weiß. Womit sich ein Herzenswunsch ihres im Handlungsverlauf zwischenzeitlich fast vergessenen, dafür umso plötzlicher sterbenden Cello-Lehrers erfüllt: „Sei niemals so einsam, wie ich es war, denn ich habe nur einen einzigen Freund, den Tod. Er liegt hier neben mir im Bett, treu bis an das Ende. Und sein kalter Atem lässt meine Augen tränen.“

Noch Fragen? Nein, mit Fragen sollte man „Dina“ nicht belästigen. Dieser Film ist, versprochen, ein Genuss der ganz aparten Art, von der ersten bis zur letzten Minute. Schließlich geben alle hier ihr Letztes, allen voran Dina. Sie spielt den „Kampf ihrer Seele mit den dunklen und den lichten Seiten des Daseins in jeder Weise überzeugend“, lesen wir im Presseheft. Und: „Ihre makellose Schönheit verstärkt die vom Skript erwünschte erotische Ausstrahlung und schafft in vielen Szenen mit ihrem Filmliebhaber Depardieu einen spannungsreichen Kontrast zu dessen wohlbekannter ureigenster Körperlichkeit.“ Auch wenn es sich, genau genommen, nur um eine – allerdings denkwürdige – Szene handelt: Schöner könnte solchen Jubel auch der gewogenste Rezensent nicht formulieren.

Kulturbrauerei, Cinestar Hellersdorf

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