Kultur : Der Tod spielt mit

Ende der Lügen: Andrzej Wajda zeigt sein Historien-Drama "Katyn" und gibt der Realität Raum. 1940 lässt Stalin 20.000 polnische Offiziere erschießen. Darunter auch den Vater des Regisseurs. Ein Film als Totenklage und Ode an die Wahrheit.

Kerstin Decker
Katyn
Polen während des Zweiten Weltkriegs: Maja Ostaszewska in einer Film-Szene. -Foto: dpa

Die Deutschen haben die polnischen Offiziere umgebracht, sagt ein Russe im Befehlston zu der jungen Polin. Und die antwortet, dass er kaum binnen von Minuten schaffen werde, was seine Vorgänger, die Deutschen, nicht in Jahren fertiggebracht haben – sie zur Lügnerin zu machen. Eine Szene aus Wajdas „Katyn“.

Auskünfte wie diese klingen nach besonderer Standhaftigkeit, gar nach Heldentum des Alltags, aber sind sie es? Und warum begibt sich eine junge Polin selbst in Gefahr, um ausgerechnet die Faschisten zu entlasten? Es ist absurd. Und doch so einfach zu erklären: Wer sich einmal nicht verleugnet hat, dem fällt es beim zweiten Mal noch viel schwerer. Das ist elementare nervliche Ökonomie. Und im Wiederholungsfall wird vielleicht eine Identität daraus, die Stärke des Schwächeren. Und im Wiederholungsfall über Generationen und Jahrhunderte wird vielleicht ein Volk daraus: die Polen. Eines, dass sich fast nur in seiner Gefährdung bewusst wurde. Und richtig, der Russe sagt noch etwas zu der jungen Polin: Aber wir sind viel länger da!

Das glaubte Andrzej Wajda auch. Er hätte nie gedacht, sagt er nachher auf der Pressekonferenz, das Ende der Sowjetunion und des Kommunismus noch zu erleben. Und damit das Ende der Katyn-Lüge. Es klingt nicht triumphierend, nicht einmal polemisch, sondern nur nach tiefem Einverständnis mit dem, womit Menschen sonst fast nie einverstanden sind, und Polen erst recht nicht: mit dem Lauf der Welt. Nur aus der tiefen Ruhe dieses Regisseurs ist zu verstehen, dass er „Katyn“ als einen „unpolitischen Film“ bezeichnet. Und er hat recht. Sein Film ist eine Totenklage nach über 60 Jahren. Er ist ein Abschied – auch vom eigenen Vater, der unter den über 20.000 auf Stalins Befehl erschossenen polnischen Offizieren im Frühjahr 1940 war. Ja, Wajda musste diesen Film machen, aber wer sollte besser als ein über 80-jähriger Regisseur um die Dialektik der Kunst wissen? Sie merkt genau, was einem zu sehr am Herzen liegt. Sie kann unbarmherzig sein in solchen Dingen. Im schlimmsten Fall sieht das Einzigartige am Ende höchst verwechselbar aus.

Unser Bild-Ton-Gedächtnis hat die Szenerie der Zeit längst abgespeichert: das Grün-Grau der Uniformen, die Damenmode bis hin zur scheinwiderständlerischen Haartolle. Ach ja, und die Dampfloks. Ob Jurypräsident Costa-Gavras sie wiedererkannt hat? In seiner „Stellvertreter“-Adaption gab er ihnen eine Nebenrolle. Und nicht zu vergessen die Massenszenen, bei deren Anblick man darüber nachdenkt, wie aufwändig es sein muss, so ein Set zu dirigieren.

All dem ist Wajda nicht ganz entgangen. Denn es gibt nur ein Medium für eine Totenklage, das Kameraauge, das wie ohne Lidschlag alles wahrnimmt, ohne Unterschied. Wajda wollte die abstrakte Zahl ins Menschliche zurückübersetzen. Aber da ist schließlich kein Einzelschicksal, nicht mal ein Gruppenschicksal, das Wajda hätte erzählen können, da ist zuletzt – doch nur wieder die Zahl: 20.000 tote Offiziere. Und Tagebuchblätter. Die meisten waren keine Berufsmilitärs, sondern Lehrer, Anwälte, Ärzte ... Stalin hatte – wie zuvor im eigenen Land – die geistige und militärische Elite vernichtet.

Das war nicht nur ein menschliches, militärisches Trauma, sondern eines, das die nationale Identität Polens überhaupt traf. Ist diese gar die fehlende Hauptfigur, nicht sichtbar und doch allgegenwärtig, weitergegeben über Generationen von dem alten, nach Sachsenhausen deportierten Professor der Krakauer Universität an seinen Sohn (Artur Zmijewski), der in Katyn stirbt, an die Schwiegertochter Anna (Maja Ostaszewska), die diesen Tod nicht glauben will, an die Frau des polnischen Generals (Danuta Stenka), die sich weigert, den Deutschen einen Propagandatext fürs Radio zu sprechen, nachdem diese 1943 das Massengrab entdeckt hatten? Wie Wajda die Beweislast auf viele Schultern verteilt, auf junge und alte, auf Männer- und Frauenschultern, ist mehr als eine Notlösung. Und alle haben ein authentisches Vorbild. Der Film reicht weit ins kommunistische Nachkriegspolen, denn nicht nur Wajdas Mutter wartete bis zu ihrem Tod auf die Rückkehr des Vaters. Das ist die zusätzliche Tragik dieses von den Besatzern einander wechselseitig zugeschobenen Verbrechens: die immer ausstehende endgültige Aufklärung, die immer wieder erweckte Hoffung.

Das eigentliche Massaker bleibt lange bildlos. Fast wünschte man, Wajda hätte es bei der überdeutlich sichtbaren Leerstelle belassen. Er hat es überlegt und sich anders entschieden, ganz am Schluss. Und er ist froh darüber. In Warschau sei ein alter Mann zu ihm gekommen und habe ihm gedankt, auch das gezeigt zu haben. Er habe es immer sehen wollen, nun sei es gut. Dem alten Mann Andrzej Wajda ging es ähnlich: „Wir sollten uns so von unseren Vätern verabschieden.“

Heute 9.30 Uhr und 23.30 Uhr (Urania), 17. 2., 20 Uhr (International)

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