Kultur : Der Tod spielt nicht mehr mit

„Der Kaiser von Atlantis“ im Berliner Konzerthaus

Frank Scheerer

Der Tod, dieser Meister aus Deutschland, ist abgeschafft – welch eine Vorstellung! So jedenfalls lautet die Grundidee von Viktor Ullmanns Theresienstadt- Oper „Der Kaiser von Atlantis“. Ein Werk, das ihm ein Freund im Oktober 1944 vor der Deportation nach Auschwitz buchstäblich aus der Hand riss, um es der Nachwelt zu erhalten. Wien und Prag waren Wirkungsstätten Ullmanns, der sich als Schönberg-Schüler einen Namen machte und ab 1929 als Komponist am Schauspielhaus Zürich wirkte.

Neben seiner expressionistischen Prägung ist Ullmann vor allem von einem anthroposophischen Weltdeutungsgeist erfüllt. Dies alles fließt ein in die Inszenierung seines „Kaisers von Atlantis“ im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses. Die Regisseurin Cornelia Heger veranstaltet hier mit dem Dirigenten Christian Fröhlich, mit Musikern der „Hanns-Eisler“-Hochschule und acht jungen Solisten eine Art musikalisches Lehrtheater mit Anleihen beim Musical. Das Bühnenbild: Lauter skurrile, weiße Hände, Hände der Lebenden, durch die bisweilen der Schnitter fährt. Hier also thront Kaiser Overall (Roman Grübner) in seinem Palast. Das heißt, eigentlich hat er sich regelrecht verbarrikadiert. Man sieht nur den Oberkörper des großen Kommunikators, die Befehle werden per Telefon erteilt. Tod und Leben (Gary Janowski und Christoph Schröter) buhlen wechselseitig um seine Gunst. Und der Trommler, sehr überzeugend gesungen und dargestellt von der Mezzosopranistin Uta Buchheister, reicht die Dekrete des Diktators weiter an die Öffentlichkeit.

Das Bühnengeschehen vollzieht sich weitgehend statisch, und das hat durchaus seinen Sinn: Am Ende kündigt der Tod seine Dienste auf – und die Macht des Weltendiktators schwindet. Ullmann fasst diese Todesverweigerung in eine paradoxe Szene: Ein Soldat will ein Mädchen töten – und entbrennt im entscheidenden Augenblick in Liebe zu ihr. Paulinische Textzitate („Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg“) illustrieren, nein, untermauern Ullmanns geradezu messianisch erfüllte Utopie. Doch der Tod kommt wieder ins Spiel. Das Finale zeigt, wie der Despot endgültig von der Erde verschluckt wird. Es ist der Kaiser, der hier als Erster einen neuen, besseren Tod stirbt.

Wieder am 23. und 24. Mai

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