Kultur : Der Tod steht ihr gut Leben, Sterben und das ganze verdammte Zeugs

JÖRG VON UTHMANN

Eine Frau stirbt an Gebärmutterkrebs. Das ist kein heiteres Thema für die Bühne, eher Anlaß für einen fataldisease weepie. Aber von Tränen kann im Union Square Theater keine Rede sein. Es wird viel gelacht, und auch die Hauptperson, Frau Professor Doktor Vivian Bearing, könnte nicht fröhlicher sein, wenn sie ankündigt: "Ich habe nicht vor, meine Geschichte auszuplaudern, aber ich glaube, am Ende bin ich tot." Der Titel des Stücks verrät, daß es hier um wit geht - womit allerdings nicht nur der Witz gemeint ist, sondern wie bei Shakespeare auch der Geist und die Weisheit.

Die originelle Schreibweise des Titels deutet an, daß in der hohen Kunst der Textexegese ein Semikolon ebenso schwer wiegt wie eine Null in einer mathematischen Gleichung. "W;t" hat alle Auszeichnungen eingeheimst, die ein neues Theaterstück einheimsen kann. Auch die Hauptdarstellerin Kathleen Chalfont wurde mit Preisen überschüttet. Die "New York Times" schwärmte von einem "einmaligen Erlebnis: gedankenreich, witzig und aufwühlend". John Simon, der bissigste unter den New Yorkern Kritikern, sprach von einem "Stück, das Sie bis zu Ihrem Todestag nicht vergessen werden". Was die Lobeshymnen noch erstaunlicher macht: "W;T" ist ein Erstling. Die Autorin, Margaret Edson, unterrichtet an einer Volksschule in Atlanta. Zu den Preisverleihungen, entschuldigte sie sich, könne sie leider nicht kommen, sie müsse sich um ihre Klasse kümmern.

Professor Bearing kennt natürlich ihren Shakespeare. Aber ihr Spezialgebiet sind die "Heiligen Sonette" des elisabethanischen Dichters John Donne. Der bedeutendste der metaphysical poets stellt die großen Fragen nach Glaube und Zweifel, nach Sünde und Erlösung, nach Liebe und Tod. Bearings Kurs gilt als der anspruchsvollste an ihrer Universität. Ihren Studenten und sich selbst schenkt sie nichts. Für ein Privatleben hat sie keine Zeit. Im Krankenhaus trifft sie nun auf einen Arzt, der seine Wissenschaft mit der gleichen Rücksichtslosigkeit betreibt wie sie. Er behandelt sie als interessanten Fall, das menschliche Drum und Dran kümmert ihn nicht. Seine Patientin bewundert diesen Rigorismus und unterzieht sich den Qualen und Erniedrigungen der - wie sie ahnt - aussichtslosen Chemotherapie mit Gleichmut. Aber als ihre Schmerzen größer werden, ist sie der dummen schwarzen Krankenschwester, die ihr ein Eis am Stiel bringt, doch dankbar. Als es zu Ende geht, kommt ihre alte Lehrerin vorbei, bei der sie promoviert hat, und liest ihr aus einem Kinderbuch vor, das sie ihrem Enkel schenken will - nicht ohne vorher Edition und Erscheinungsjahr sorgfältig überprüft zu haben: "Jetzt ist die Zeit für das Einfache." Wenn es um Leben und Tod geht, ist John Donne vielleicht doch nicht ganz der Richtige.

In Amerika verkaufen sich Bücher über emotional intelligence sehr gut. Sie vermitteln ihren Lesern die beruhigende Gewißheit, daß sie es mit dem Lernen nicht allzu genau zu nehmen brauchen, da es im Leben mehr auf Gefühle ankomme. Margaret Edson hütet sich, den Ungebildeten nach dem Munde zu reden. Aber sie verschweigt nicht, daß die Bildung nicht kostenlos zu haben ist. "Könnte es nicht sein", fragt eine Studentin, "daß Donne einfach Angst hat, daß er sich hinter dem komplizierten Zeug, hinter seinem wit versteckt?"

Die Autorin klagt ihre Figur nicht an. Sie konstatiert nur, was Sigmund Freud konstatierte, als er in seinem Aufsatz über das "Unbehagen in der Kultur" von der Sublimierung der Triebe durch künstlerische und wissenschaftliche Leistungen sprach. Einen "vollkommenen Leidensschutz" - so Freud - biete auch die Sublimierung nicht: "Sie pflegt zu versagen, wenn der eigene Leib die Quelle des Leidens wird." Es ist interessant, daß auch Tom Stoppards letztes Stück ("The Invention of Love") das verlöschende Leben eines Gelehrten abhandelt, der seine Sexualität unterdrückte und in der Philologie sublimierte - mit dem Unterschied freilich, daß Stoppards A. E. Housman wirklich gelebt hat. Beide Stücke holen aus dem Kontrast zwischen Alltagssprache und Dichtung starke Wirkungen heraus. Donnes berühmtes 6. Sonett ("Death, be not proud") erregt, in einem Krankenhaus analysiert, auch bei Nicht-Anglisten Aufmerksamkeit.

Margaret Edsons Hit beweist wieder einmal, daß es falsch ist, vom amerikanischen Theater nur die Megashows am Broadway und die formalen Experimente am Rand der Szene wahrzunehmen. Die Stärke Amerikas ist das in der Form konservative, nichtkommerzielle Off-Broadway-Theater. Die Truppe, die "W;t" spielt, ist das hochangesehene Long Wharf Theater aus New Haven (Connecticut), dem auch Arthur Miller einige seiner Premieren anvertraut hat. Sie wird im Herbst in Kalifornien und danach in London zu sehen sein. In Paris will Jeanne Moreau das Stück inszenieren. Selber die Hauptrolle zu spielen, sagt sie, dazu sei sie zu alt.

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