Kultur : Der Tod und das Spiel

Nicola Kuhn über Santiago Sierras Holocaust-Installation

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Im Theater gibt es sie bereits, im Kino auch, die Debatte um die Kunst mit dem Kick, das Spiel mit der Wirklichkeit. Der Ausstellungsbetrieb hat sich in den letzten Jahren auf diesem Gebiet eher zurückgehalten, den Ekel, den Horror nur homöopathisch dosiert. Die Provo-Geste wurde ohnehin jedes Mal an den Kunstskandalen der Sechziger bemessen und für zu klein befunden, an die zerdepperten Klaviere der Fluxus-Künstler oder blutigen Performances der Wiener Aktionisten kam niemand mehr ran. Nun hat die Kunst doch noch ihren Aufreger gefunden, von Sex und Gewalt allerdings weit entfernt. Vielmehr rührt er an die Frage der Ästhetisierung des Holocaust.

Der Ort ist eine ehemalige Synagoge in Pulheim-Stommeln bei Köln, die nach ihrer Wiederentdeckung vor fast dreißig Jahren seit Anfang der Neunziger als Ausstellungsort dient. Die besondere Geschichte des kleinen Bethauses, der einzigen erhaltenen Synagoge der Region, hat zahlreiche renommierte Künstler – Richard Serra, Eduardo Chillida, Carl Andre, Rosemarie Trockel, Sol LeWitt – zu einfühlsamen Installationen über das Gedenken animiert. Damit war bei Santiago Sierra nicht zu rechnen. Der Spanier erhitzt mit seinen Aktionen zu Rassismus und Ausbeutung gerne die Gemüter, wenn auch im moderaten Ton und mit dem White Cube verträglich. Die Fotografien seiner durch Blondierung europäisierten Afrikaner, der Arbeitslosen mit tätowierter Linie auf dem Rücken oder der Grablöcher schaufelnden Migranten verkaufen sich auf dem Kunstmarkt bestens.

Nun aber scheint Sierra eine Grenze überschritten zu haben: Die Stadt sagte gestern den nächsten Termin für „245 Kubikmeter“ ab. Bei seiner Aktion am vergangenen Sonntag ließ der Künstler Kohlenmonoxid aus den Auspuffrohren von sechs Autos in die ehemalige Synagoge pumpen. Besucher durften den Raum mit dem tödlichen Gas wenige Minuten mit Atemschutzmasken in Begleitung eines Feuerwehrmanns betreten; die Warteliste am Eröffnungstag war innerhalb kürzester Zeit voll. Sierra erklärte dies zum symbolischen Akt „gegen die Banalisierung der Erinnerung des Holocaust“.

Dabei handelt es sich um eine zynische Verkehrung der Verhältnisse. Die Re-Inszenierung eines Gaskammer-Besuchs ausgerechnet in einer ehemaligen Synagoge ist an Banalität kaum zu überbieten. So kommt Kunst dem realen Massenmord nicht bei, auch wenn sie am Ende den intendierten Reflex auslöst: die Widerstandsreaktion. Eigentlich müsste man über einen solch lächerlichen Kunsteinfall schweigen, wäre da nicht der Hohn in Gestalt einer Gasmaske als Requisit. Und die vom Theater, vom Film abgeschaute Performation einer tödlichen Realität. Auch die Kunst versucht sich an der vierten Wand. Vergeblich. In Sierras Fall verbirgt sich dahinter keine neue Dimension.

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