Kultur : Der Tonretter

Albrecht Dümling kämpft für verfolgte Musiker

Frederik Hanssen

Dass Australien heute eine Weinexportnation ist, hat das Land deutschen Flüchtlingen zu verdanken: 1842 siedelten sich im Barossa Valley Lutheraner an, die aus Grünberg in Schlesien vertrieben worden waren. Um auch in der Fremde Messwein für ihre Gottesdienste keltern zu können, hatten sie Rebstöcke von zu Hause mitgebracht. Auch das australische Musikleben hat deutsche Wurzeln: Von den Nationalsozialisten vertriebene Künstler haben hier eine Klassik-Szene nach europäischem Vorbild aufgebaut. „Musica Viva Australia“, 1945 von dem Berliner Walter Dullo und dem Wiener Richard Goldner gegründet, ist heute die größte Kammermusikorganisation der Welt.

Albrecht Dümling weiß Dutzende solcher Geschichten zu erzählen. Seit zwei Jahrzehnten beschäftigt er sich mit dem Thema „Musik und Exil“, seit 15 Jahren leitet er den Berliner Verein „musica reanimata“, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Werke der vertriebenen Künstler zu neuem Leben zu erwecken. Und das heißt im Falle der Musik nun einmal: Aufführungen zu organisieren. Seit 1994 hat „musica reanimata“ ihre Heimstatt im Musikclub des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Der Deutschlandfunk Köln zeichnet alle Veranstaltungen auf. Anfangs widmete sich der Verein vor allem den in Theresienstadt internierten und in den Todeslagern ermordeten Komponisten wie Viktor Ullmann, Hans Krasa oder Pavel Haas, dann weitete sich der Blick in alle Himmelsrichtungen: Es gibt kaum ein Land, in dem nicht verfolgte Musiker vor den Nazis Zuflucht fanden. Für diese Erinnerungsarbeit wurde Albrecht Dümling im Januar der mit 75 000 Euro dotierte europäische Kulturpreis „Kairos“ der Hamburger Alfred-Toepfer-Stiftung verliehen.

Angefangen hat alles mit der kritischen Rekonstruktion der 1938 von den Nazis veranstalteten Ausstellung „Entartete Musik“, die Dümling 1988 in Düsseldorf vorstellte: Ein Sensationserfolg, der mittlerweile in 55 Städten gezeigt worden ist. Auch der Plattenfirma Decca stand Dümling als Berater für die hochgelobte CD-Serie „Entartete Musik“ zur Seite.

Das Thema hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Neben seiner Arbeit als Musikkritiker – von 1978 bis 1998 beim Tagesspiegel, seitdem bei der „FAZ“ – schreibt Dümling immer weiter an der musikalischen Weltkarte der Vertreibung. Und er kann mitreißend davon berichten. Dass die „Entartete Musik“ zum 20-jährigen Jubiläum von den Berliner Philharmonikern eingeladen wurde, hat ihn besonders gefreut: Im Anschluss an die Ausstellung zur Rolle des Orchesters im Dritten Reich wird sein opus magnum ab November in der Philharmonie zu sehen sein. Frederik Hanssen

Die nächste Veranstaltung der „musica reanimata“ widmet sich am 7. Juni im Konzerthaus dem Frühwerk des tschechischen Komponisten Erwin Schulhoff. Weitere Informationen unter: www.musica-reanimata.de und www.duemling.de

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