Kultur : Der Totmacher als Erlöser

Jan Schulz-Ojala

Roland Suso Richters fiktiver Film über die Rückkehr des KZ-Arztes Mengele nach Deutschland ist eine gefährliche VerklärungJan Schulz-Ojala

Dieser Film leugnet nichts. Er benennt ausdrücklich, dass der von Mai 1943 bis November 1944 im KZ Auschwitz tätige Arzt Josef Mengele Patienten bei vollem Bewusstsein Farbstoff in die Augen injiziert hat; dass er die Augen von Toten, wie ein Schmetterlingssammler, an ein Brett heftete; dass er einen einjährigen Drilling bei lebendigem Leib seziert und lebenden Zwillingen zur Entnahme von Knochenmark die Schenkel aufgemeißelt hat; dass er mindestens einmal ein Neugeborenes selbst in den Verbrennungsofen geworfen und insgesamt über 300 000 Menschen an der Auschwitz-Rampe für die Gaskammer selektiert hat. Dieser Film leugnet all dies nicht, schon weil Josef Mengele, als knapp 90-Jähriger vor Gericht in Berlin, dies alles nicht leugnet. So gesehen, ist "Nichts als die Wahrheit" für diesen Film ein treffender Titel.

Dieser Film leugnet alles. Alles, was wir über die Kernfiguren der Nazis wissen; denn er stellt deren Psychologie und Motivik auf den Kopf. Er lässt Mengele zum Beispiel sagen, er habe alle Grausamkeiten aus Menschlichkeit getan. Weil Auschwitz "die Hölle" gewesen sei, habe er deren Insassen den "einzigen Ausweg" geboten und sie in den Tod geschickt. Zudem werde es immer Situationen geben, in denen "gewissenhafte Ärzte töten müssen". Sein Verteidiger sekundiert, man müsse Mengele als Pionier aktiver Sterbehilfe betrachten, der, als "Kind seiner Zeit", nach heutigen Maßstäben nicht zu richten sei. Euthanasie im KZ sei ein "Akt der Gnade" gewesen - gerade so, als hätten die Neuankömmlinge sich vor lauter Entsetzen bewusst ins Gas gedrängt. Der berüchtigtste KZ-Totmacher als Erlöser; der Mörder als barmherziger Samariter, der nur eben das Einverständnis der Betroffenen nicht eingeholt habe; der Menschenversuch als besserer Dienst an der Wissenschaft als der Tierversuch: All das insinuiert dieser Film auf breitem Raum, bevor er - zumindest formal (auch der Verteidiger plädiert überraschend auf lebenslang) - vorübergehend das Steuer herumreißt. Zwei Stunden Kino werden so fast zu zwei Stunden Lektüre der "Nationalzeitung". "Alles Lüge" könnte dieser Film also auch heißen.

"Eine große Verwirrung" will Regisseur Roland Suso Richter, keiner der ganz Großen seiner Zunft ("14 Tage lebenslänglich", "Die Bubi-Scholz-Story"), empfunden haben, als er "After the Truth", die amerikanische Buchvorlage für seinen Film, gelesen hatte. Diese "Zerrissenheit" habe er nun aufs Publikum übertragen wollen. Das dürfte ihm gelungen sein, wenn auch weniger im Sinne des Mengele-Schlusswortes: "Die Zukunft wird entscheiden. Ich bin guter Dinge. Sehen Sie wenigstens ein bisschen von sich selbst in mir?" Einen schlichten Thriller hat Richter drehen wollen - über Josef Mengele, der nicht 1979 in Brasilien ertrunken ist, sondern sich heute der deutschen Justiz stellt. Herausgekommen ist ein Spielfilm, der womöglich stolz darauf ist, mit dem auferstandenen Schlächter (für wen eigentlich noch?) den Kronzeugen gegen die "Auschwitz-Lüge" aufzubieten - und der doch nur, im Gewande des "Was wäre, wenn?", die Erinnerung an die KZ-Opfer und den Begriff des medizinischen Ethos schmäht.

Gewiss hat Richter dies nicht so böse gemeint, wie es wirkt. Eher arglos nehmen er und sein überwiegend aus Enddreißigern bestehendes Team die Gnade der besonders späten Geburt in Anspruch. Auch sympathisiert der Film nicht direkt mit seinem "Helden", aber er macht ihn groß. Gut, Götz George spielt jedes Monster groß. Aber immerhin, dieser Mengele stellt sich freiwillig, ist krebskrank im Endstadium, hält jederzeit intelligent und unauffällig die Fäden des Verfahrens in der Hand - fast ein melancholischer Philosoph sitzt da im Glaskasten, eingesperrt von der Gerichtsbarkeit einer Demokratie. Nötigt so einer nicht Respekt, zumindest Mitleid ab?

Andererseits: Groß ist Mengele-George auch, weil der Film seine Gegenspieler klein macht. Der von ihm aus dunklen Gründen erwählte Staranwalt Rohm (Kai Wiesinger) zum Beispiel: Sein Habitus - Nuscheln, Schwitzen, Fluchen, fettiges Haar - erinnert eher an einen Winkeladvokaten. Oder Rohms harmlose Mutter (Doris Schade): Sie darf im Zeugenstand ihre vergleichsweise minimale Schuld - als Schwesternschülerin hat sie ohne ihr Wissen zwei Todesspritzen gesetzt und danach sofort gekündigt - und auch gleich ihr innerfamiliär schlechtes Gewissen entsorgen. Oder die überlebenden KZ-Zeugen: Ihr Haupt-Handicap zum Individualbeleg des mörderischen Tuns Mengeles besteht eben darin, nicht ermordet worden zu sein. Der Staatsanwalt (Peter Roggisch) wiederum ist ein hilfloser Gutmensch, dessen weinerliches Schlußplädoyer - "Dieser Mann hat über uns alle gesiegt", "Er hat es geschafft, seinem eigenen Mythos die Konturen eines Menschen aus Fleisch und Blut zu geben" - fast wie die Kapitulation der Regie vor ihrem eigenen Thema tönt. Tapfer Profil sucht da nur - wenn auch auf Soap-Niveau - die Ehefrau des Anwalts und Tagesspiegel-Reporterin (Karoline Eichhorn): Dass ihr Arbeitgeber allerdings einem bedrängten Altnazi für eine Exklusiv-Geschichte 100 000 Mark plus Flugticket in ein Land seiner Wahl bietet, ist auch nicht eben aus dem Leben gegriffen.

In solchem Umfeld steht Mengele, der als Mephisto schon geadelt wäre, geradezu als Dr. Faustus da. Der um die Menschheit bemühte Forscher schaut - im Abendlicht seines Lebens - über das bestellte, dem Meer (des Unwissens) abgerungene Land. Faust II redivivus: Nur dass seine Lemuren schon gestorben sind. Mag sein, dass "Nichts als die Wahrheit" Mengele entzaubern wollte; das Ergebnis, von heute an in knapp 200 deutschen Kinos zu besichtigen, heißt Verklärung - und das macht diesen formal durchaus bemühten, personell ziemlich eitlen und inhaltlich sehr naiven Film so gefährlich. Ein gigantischer Irrtum - dass Götz George eine Million aus seinem Vermögen reinsteckte, als verschiedene Förderinstitutionen absprangen, dass die Crew auch sonst auf Bezahlung vorerst verzichtete (womit jetzt schon fast geworben wird), macht ihn um keinen Deut besser.
© 1999

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