Kultur : Der Transatlantiker

40 Jahre prägte Rolf Ricke die deutsche Galerienszene. sichJetzt zieht er Bilanz

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Herr Ricke, in Ihren Galerieräumen stehen nur noch verpackte Bilder. Was bedeutet für Sie diese Auflösung?

Abgesehen von den pragmatischen Vorgängen des Archivierens und Aufräumens blicke ich auf mein Leben zurück. Und das bewegt mich natürlich.

Woran denken Sie beim Rückblick?

An Höhepunkte und Tiefschläge. Die erste wichtige Epoche waren die frühen Sechzigerjahre. 1965 lernte ich bei meinem ersten Aufenthalt in New York in einer einzigen Woche die Kunst kennen, die mir die Augen öffnete und mein Programm wurde: die Pop und Minimal Art, Roy Lichtenstein, Dan Flavin, Bob Morris, Donald Judd. Bis 1972 machte ich Ausstellungen mit der amerikanischen Szene, noch bevor die Amerikaner dies taten. Nach der Documenta 1972 kam die erste geschäftliche Krise, die Konzeptkunst wurde bedeutender. Ab 1981 gab es dann die Mühlheimer Freiheit und die Transavanguardia, die so genannte Wiederbelebung des Bildes. In meiner Galerie hingen Arbeiten von Eva Hesse oder Ulrich Rückriem, niemand interessierte sich dafür. Das war ein Tiefpunkt, zugleich jedoch ein intellektueller Höhepunkt, weil es Erkenntnis zur Folge hatte. Mitte der Neunzigerjahre entdeckte ich schließlich jüngere Künstler in den USA, wie Thom Merrick oder Steven Parrino, mit denen ich bis heute sehr erfolgreich arbeite. Ich höre also auf einem Höhepunkt auf, was mein großer Wunsch war.

Hatten Sie Vorbilder?

In erster Linie Leo Castelli und Ileana Sonnabend. Das waren Galeristen mit einem Programm, das sie auf unglaubliche Weise erklären und definierten konnten. Vorbildcharakter hatten auch Galerien wie Maeght, Rudolf Zwirner oder „Der Spiegel“. Aber vor allem beflügelten mich , das möchte hier betonen, Menschen aus der Musik, wie Pierre Boulez oder Michael Gielen. Gielen war ein kompromissloser Dirigent. Ich will fünf Proben, sagte er einmal den Berliner Philharmonikern. Sie wollten ihm nur drei geben, da sagte er: „Vielen Dank, fünf oder keine!“ An der Frankfurter Oper machte er radikales Musiktheater, und für ein paar Jahren war keiner mehr im Theater. Dann kippte das aber plötzlich, und in den letzten drei Jahren seiner Amtszeit bekam man für seine Vorstellungen gar keine Karten mehr.

Was empfehlen Sie als erfahrener Galerist dejungenm Nachwuchs?

Ich war immer wissbegierig und habe so viele Ausstellungen gesehen, wie ich nur konnte. Jeden Tag bin ich unterwegs gewesen. Und genau das Das würde ich heute auch den jungen Galeristen empfehlen. Aber die zunehmende Bürokratie in den Galerien und die enorm gestiegene Anzahl von Kunstmessen machen es heute fast unmöglich, viele Ausstellungen zu besuchen. zu vieleinfach wahnsinnig zu vielee Messen, zu viele Galerien, zu viele Kuratorenzu viele.Man kann als Galerist nicht so viel Verantwortung übernehmen und da fragt sich mitunter, ob Verantwortung überhaupt noch gewünscht ist. och niemand fürDer Künstler gerät dabei schnell aus dem Blickfeld. Wer übernimmt denn bei einem gigantischen Geschäft wie auf der diesjährigen Art Basel Miami noch Verantwortung für dessen Karriere? Das ist ein großer Spaß geworden, ein Event, bei dem für sehr junge Kunst sehr viel Geld fließt. Ich ziehe das langsame Wachsen einer Künstlerkarriere vor, wie es bei Sigmar Polke oder Gerhard Richter war.

Was würden Sie heute anders machen?

Mir tut es manchmal Leid, dass ich mich nicht ganz so intensiv um die europäische Szene gekümmert habe. Gleichzeitig bedaure ich aber auch, dass ich 1972 das Angebot nicht wahrgenommen habe, als Direktor bei der Reese Palley Gallery in New York zu arbeiten. Damals dachte ich, meine amerikanischen Künstler würden dann ihr Forum in Europa verlieren. Die Sehnsucht nach Amerika kompensierte ich durch zahlreichen Reisen in die USA. Länger als sechs Wochen am Stück habe ich es selten in Köln ausgehalten.

Jetzt könnten Sie ja in die USA ...

... aber ich möchte nicht mehr. Der Zug ist abgefahrenDas hat mit politischen Dingen in den U.S.A. zu tun.1990 wollte ich nochwäre der richtige Zeitpunkt gewesen, da hatte ich auch einen Raum in New York, als es dort nochboomte. Heute zieht es mich eher nach Berlin. Aber nun kommt erst mal die Galerieauflösung in Köln, dann wird man weitersehen.

Werden Sie weiter sammeln?

Ich habe immer Werke gekauft, ummeine Künstler zu unterstützen. Erst später sagte jemand Sammlung dazu. Die Kollektion ist nun nun in Nürnberg – wie ein Kind, das ausgezogen ist. Und aAuch jetzt kaufe wiederichkeine Kunst nicht, um damit eine Sammlung aufzubauen, erde mich aber mehrstärker um die erworbene Kunst kümmernsondern um Ausstellungsprojekte zu realisieren. So wird ein Teil Ende Februar 2005 in St. Gallen zu sehen sein. Ich kann mir vorstellen, dass ich dort in einem Raum nur ein einziges Bild oder eine einzelne Installation präsentiere oder auch Konzerte mit neuer Musik organisiere. Mein Wunsch wäre es, mich mit Künstlern in anderen Kontexten zu treffen anstatt immer nur über den Kunstmarkt zu sprechen.Ich bin jetzt frei. Dazu muss ich aber erst meine Abhängigkeiten von der Galerie abschneiden, was wirklich schwierig ist. Aber schließlich brachte ich den Willen auf, um von einem zum anderen Tag mit dem Rauchen und dem Trinken aufzuhören. Immer wieder konnte ich da meine kompromisslose Sturheit an den Tag legen. Und das tue ich jetzt auch und höre auf.

Das Gespräch führte Uta M. Reindl.

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