Kultur : Der transatlantische Traum Jeremy Rifkin trifft Frank-Walter Steinmeier

Jens Mühling

So viel transatlantische Verbrüderung war lange nicht mehr – wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen. Kaum hatte Frank-Walter Steinmeier beim Auftakt der „Transatlantischen Gespräche“ im Haus der Kulturen der Welt das Mikrofon aus der Hand gegeben – nach einer langen, mitunter dezidiert konfrontativen Rede über neue und alte Zerwürfnisse zwischen alter und neuer Welt – übernahm Jeremy Rifkin mit dem Zwischenruf: „Sie haben meine Rede gehalten!“

Hatte Steinmeier das? Sicher, in ihrer Bewertung jüngerer amerikanischer Politiklinien befanden sich der Bundesaußenminister und der prominente US-Liberale Rifkin weitgehend im gleichen Fahrwasser. So nahm sich Steinmeiers Rede über weite Strecken wie eine Apologie der außenpolitischen Leitlinien seines Mentors Gerhard Schröder aus. Vom gewandelten Verständnis transatlantischer Vorreiterrollen auch in der Bevölkerung war da die Rede, von der Notwendigkeit multilateraler Einbettung, von einem „handlungsfähigen und starken Europa“, das Gewicht brauche, gerade damit es sich nicht mehr als Gegengewicht begreifen müsse. „Wenn wir eine Entfremdung verhindern wollen, brauchen wir eine neue transatlantische Agenda“, erklärte Steinmeier – und wandte sich im gleichen Atemzug gegen die Nato als alleiniges Forum der Agendafindung: Zentrale Fragen der wechselseitigen und weltpolitischen Beziehungen könnten „nicht mehr militärisch und auch nicht in militärischen Bündnissen gelöst werden“.

Widerspruch war dazu von Rifkin kaum zu erwarten – und so griff der Publizist dankbar Steinmeiers Wort von den wichtigsten transatlantischen Herausforderungen der kommenden Jahre auf: Energiesicherheit und Klimaschutz. Wie schon in seinem 2004 erschienenen Buch über den „Europäischen Traum“ erklärte Rifkin die EU zum internationalen Vorreiter einer „dritten industriellen Revolution“, eines dringlich notwendigen Paradigmenwechsels von der Geopolitik hin zur „Biosphärenpolitik“. Als einziges Staatengebilde weltweit weise Europa einen „Hauch von globalem Bewusstsein“ auf – und habe damit das Potenzial, die Welt zu reformieren: „If you lead, Americans will start to follow“, so Rifkins zweckoptimistischer Schluss. Ein weitgehend einiger Abend also – bloß: Wie diesem transatlantischen Traum jenseits der Kongresshalle Relevanz verleihen? Aber Träume sind ja, wie Rifkin sagt, auch nur „das, was man sein möchte“. Jens Mühling

Weitere Transatlantische Gespräche bis Sonntag täglich um 20 Uhr im Haus der Kulturen der Welt. Infos: www.hkw.de

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