Kultur : Der Transformator

In der Doppelhelix: eine Hommage an das Handwerk von Simon Starling bei neugerriemschneider

Katrin Wittneven

Schon von außen ist das Hämmern zu hören. Das Büro der Berliner Galerie neugerriemschneider, das nur ein Vorhang vom Ausstellungsraum trennt, sind Mitarbeiter und Besucher dem dröhnenden Werkstattlärm unmittelbar ausgeliefert. Nun gehört Baulärm seit Jahren zum Sound Berlins, doch dieses Schlagen und Sägen ist durchdringender. Hier knallt Metall auf Metall, als würde die komplette Belegschaft einer Metallmanufaktur kurz vor der Mittagspause noch einmal so richtig reinhauen.

Die Assoziation ist nicht ganz falsch, obwohl hinter dem Vorhang keine Handwerker zugange sind. Die Geräusche stammen aus dem vierminütigen 35-Millimeter-Filmloop „Wilhelm Noack oHG“, den der Brite Simon Starling in der gleichnamigen Berliner Metallwerkstatt gedreht hat. Die 1897 gegründete Schmiede ist ein Familienbetrieb in der vierten Generation. 1931 wurde der heutige Firmenbesitzer Dieter Noack geboren. Die Produkte, die über die Jahrzehnte hier gefertigt wurden, spiegeln das politische Kolorit ihrer Zeit: Das Bauhaus machte Bestellungen, ebenso gingen Aufträge der Nationalsozialisten ein. Der Bauboom der Nachkriegsjahre bescherte wieder eine neue Ära. Viele Werke aus dem Hause Wilhelm Noack, das übrigens nicht mit der Berliner Bildgießerei Hermann Noack zu verwechseln ist und auch in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis zu ihr steht, wohl aber in einem kollegialen, sind noch heute in Berlin zu entdecken: Vitrinen und Geländer im Schloss Charlottenburg etwa, Counter am Flughafen Tegel, Messingarbeiten für die Grundkreditbank und sogar die acht Kronen, die das Dach des Bodemuseums schmücken. Bei Noack wurden manche kühnen Pläne realisiert. Am prominentesten ist Mies van der Rohes Freischwinger für den Barcelona-Pavillon. Auch später schätzten viele Künstler die Zusammenarbeit. Michel Majerus ließ hier Teile einer Raumskulptur hier fertigen, ebenso Simon Starling für eine frühere Arbeit. Noch heute wird die Manufaktur tätig, wo die standardisierte Produktion an ihre Grenzen stößt: Sei es ein Brunnen in Brasilia, Ausstellungsarchitektur in Osaka und Kairo oder Straßenlaternen in Liverpool.

Simon Starlings Film gibt Einblick in die Firmengeschichte, zeigt Skizzen und Fotografien, Modelle und die teils museal erscheinende Werkstatt selbst. Fast körperlich tastet die Kamera die Werkzeuge ab, verschmilzt mit ihnen, indem der Künstler sie in Schraubzwingen fixiert, auf Handwagen und Laufrollen befestigt und sie den mechanischen Bewegungen folgen oder sie sich mit Pressluft um ihre eigene Achse drehen lässt. In den präzisen Schwarzweiß-Bildern wechselt die Perspektive rasant wie bei einer Achterbahnfahrt. Für eine Sekunde ist auch das Modell einer Wendeltreppe zu sehen. Sie war Vorbild für Starlings Konstruktion, auf der nun das Filmband treppauf, treppab als Endlosschlange läuft: eine Loop-Maschine, mit dem Film als sichtbar gewordenen Informationsträger einer riesigen metallenen DNA-Doppelhelix. Der sonst verborgene Filmstreifen wird zum Akteur, indem er als Teil eines in sich geschlossenen Systems zur Skulptur selbst erhoben wird. Natürlich entstand die Konstruktion bei Noack.

Es sind Geschichten wie diese, die Starling recherchiert, in Skulpturen umwandelt und sichtbar macht. Der Mann ist ein Transformator. 2002 fuhr er mit einem roten italienischen Fiat nach Polen, wechselte die inzwischen dort produzierten Teile in weißem Lack aus und fuhr wieder zurück. Für seine Museumsaausstellung in Basel demontierte der 1967 geborene Turner-Preisträger eines der dort typischen Fährhäuser und baute einen „Weidling“, ein Basler Holzboot, daraus. Mit diesem fuhr er auf dem Rhein ins Museum und setzte dort wiederum das Fährhaus instand. Die Spuren dieses Umwandlungsprozesses waren nur noch zu erahnen. Wie ein Soziologe, der über einen ausgeprägten Sinn für Materialien verfügt, recherchiert Starling Begebenheiten, die im Kleinen immer auch das Große erzählen: von Ökonomie, Design, Globalisierung und Kulturgeschichte.

Die in sich geschlossene Filminstallation „Wilhelm Noack oHG“ ist als Symbol für Unendlichkeit lesbar. Das Unternehmen kann sich darüber freuen. Denn das Handwerk hat es schwer, selbst Traditionsfirmen gelingt es kaum, sich gegen die industrielle Fertigung zu behaupten. Die Folge: Gerade in Berlin werden viele ehemalige Industriegebäude inzwischen von der Kultur genutzt. Starling, der die letzten Jahre in Berlin lebte und diese Entwicklung mitverfolgt hat, dreht den Spieß einfach um.

neugerriemschneider, Linienstraße 155, bis 13. Januar; Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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