Kultur : Der Traum-Angestellte

Kein Schmelz, kein Schmalz: Elvis Costello in Berlin

Jan Schulz-Ojala

Eigentlich kein schlechter Ort heute Abend, der flachglasige Konzertsaalkasten der UdK, diese Deutsche Oper für die Klassik des Pop. Zuletzt hat hier der Typ, zu dessen Konzert sich überwiegend Dunkelbrillenmänner jeden Alters versammeln, einen dezent umjubelten Liederabend gegeben – akustische Gitarre, Klavier, Stimme und sonst gar nichts. Und gerade hat der Deutsche-Grammophon-Star seine erste Kammeroper angekündigt – im Herbst in Kopenhagen zum Andersen-Jahr. Da sollte es doch auch heute wieder ein erhebender Abend werden, ein melancholischer Liebesliederabend natürlich am liebsten.

Aber da kennt ihr Elvis Costello schlecht. Nur: Wer kennt schon Elvis Costello? Der Mann ist zwar seit gut zehn Jahren auch ins Klassikfach gewechselt, zuletzt sehr ballettmusikalisch mit „Il Sogno“. Und dann gibt es den minimalistischen Edeljazz von „North“, dem Träumer-Album, fertig geworden kurz vor der Hochzeit mit der Jazztraumfrau Diana Krall. Doch Costello ist auch ein lärmendes Rockgemüt – und hat mit 50 nicht vergessen, wie er mit den Attractions in die kühlen Achtzigerjahre reinsprang – was für ein Riesentauchbecken war das, mit 50-Meter-Turm. Ob er da heute sein wunderbares „I Want You" singt? Das Sehnsuchtslied, das Michael Winterbottoms Film inspirierte und verschlang, ist dafür fast schon zu leise.

Und tatsächlich: nix Kammerkonzert. Auf der Bühne stehen die Attractions von damals fast komplett, mit Steve Nieve an den Keyboards und Schlagzeuger Peter Thomas, neu ist nur Bassist Davey Faragher. Das Ganze heißt jetzt The Impostors, und los bratzen die Schwindler aus der Krachmacherstraße, was das Zeug hält. Stehen da in dunklem Tuchzeug rum, Angestellte unserer Träume, nur wollen sie als netter Seelenbildschirmhintergrund nicht so recht funktionieren. Geben zwar die schlichten Lieferanten, die Costello in „The Delivery Man“ besingt, aber was sie liefern, ist lupenreiner Oldstyle-Rock. Nieve lässt es fortissimo perlen und orgeln, Costello kratzekrault seine E-Gitarre wie einen Jaulejunghund, den er kaum zurückhalten kann.

Klar, das klingt schön bombasto-elegisch, von „Country Darkness“ bis „Either Side of the Same Town“ – und vor allem das ohrwurmträchtige „Delivery Man“ selbst, das die Schwindler zum Titel ihres frischen Albums erwählt haben. Leider dröhnen sie dabei, im Verein mit der lausigen Saal-Akustik, das besonderste Instrument zu, das heute zu hören wäre: Costellos Stimme. Doch ist das nicht manchmal besser so? Costellos Hauchen und Beißen funktioniert nur noch in der Mittellage; in den Höhen, die der Tönetüftler scharf ansetzt wie ein felsenwärts Standspringender, gibt sie sich oft abrissig, nebenspurig, verstimmt. Dahin der Schmelz, dahin auch der Schmalz – besonders auffällig, wenn er frühe Sachen wie „Our Little Angel“ intoniert. Auch dieses stimmliche Schiefliegen mag frecher, großer Costello sein. Vielleicht aber ist es bloß das Älterwerden.

Und dann, nach einer Zugabenhatz aus den donnernden Frühzeiten von „Armed Forces“, erlaubt sich der Genre-Hüpfer, der Allesausprobierer, der Michael Winterbottom des Pop doch noch eine Berechenbarkeit. Er singt, worauf wohl jeder im Saal insgeheim gewartet hat: „I Want You“, die schmerzhafteste und bewegendste Liebesarie des Pop. Schön, dass wir uns aufeinander verlassen können, der Unzuverlässige und wir.

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