Kultur : Der Traum vom Frieden

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Von Christina Tilmann

„Coexistence“, was ist das? Weiße Hände, die sich in schwarze verknoten. Ein weißer Rabe inmitten von schwarzen. Ein weißes und ein schwarzes Ei, aneinandergelehnt. Schwarze Hände, die eine weiße umfangen. Schwarze Hände auf weißem Hintergrund. Ein weißer Fuß auf schwarzem Hintergrund. Ein weißer und ein schwarzer Mann, die einander anmalen. Ein schwarzer Mann mit Bierbauch – und einer, dem eben diese Bierbauchform ein Loch in den Magen gefressen hat. Piktogramme von schwarzen und weißen Männern mit Pfeilen, kopfüber. Oder ein Paar weißer Hände, mit einem schwarzen Schraubstock verklammert.

Die Vereinigung der Gegensätze, das friedliche Nebeneinander von Völkern, Religionen und Kulturen ist ein schöner Traum – mehr denn je zur Zeit in Israel und den arabischen Ländern. Das „Museum on the Seam“ in Jerusalem, einst auf Anregung des Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek vom Plakatkünstler Raphie Etgar gegründet, schickt eine Ausstellung von etwa 30 Plakaten rund um die Welt. Künstler aus vielen Ländern haben ihre Vision zum Thema Zusammenleben auf drei mal fünf Meter großen Plakaten festgehalten. Nach Stationen in Jerusalem, Belfast, Sarajewo und Bern sind die Werke nun für vier Wochen in Berlin vor dem Reichstag zu sehen.

Die Erfahrung einer geteilten Stadt, der unfreiwilligen Koexistenz verschiedener politischer Kulturen, teilt Jerusalem mit manchen der Stationen, auch mit Berlin, wie Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in seiner Eröffnungsrede betont. Ob es ein Zusammenleben ist, ein Nebeneinanderher-Leben oder schlicht ein Über-Leben – das sind Nuancen angesichts der schier unlösbaren Konflikte im Nahen Osten. Friedliche Koexistenz wäre schon ein unerhörter Fortschritt, so Thierse, um im nächsten Gedankenschritt konsequent zu den Aporien des Themas zu gelangen. Auf die deutsche Politiklandschaft bezogen, beklagte Thierse die „gefährliche Mischung aus Aversion und Aggression“ und forderte, dass es „keine Toleranz gegenüber den Intoleranten“ geben dürfe.

Plakatkunst sei per se politische Kunst, so Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Es ist aber auch plakative Kunst. Eine leicht verständliche Sprache, die über Sprachgrenzen hinweg funktioniert, eine Botschaft, die schnell und unmissverständlich ankommt. Die Bombe, die im Flug zerbricht, die Brücke zwischen zwei Menschen, die Mona Lisa aus Flaggen oder das Herz aus einer Luftbild-Aufnahme: All das wird jeder lesen können, in Kapstadt, in Amsterdam, Um el-Fachem oder New York.

Und trotzdem: Heißt es nicht, die Kunst – und sei es in guter Sache – zur Propagandakunst zu machen, wenn man ihr einseitig den Auftrag erteilt, einen Beitrag zu leisten für eine bessere Welt? Wie man komplexe Konflikte thematisiert, zeigt derzeit die Documenta 11 in Kassel. Es mag der vergleichsweise friedlichen Gesellschaft in Deutschland geschuldet sein, dass man sich bei den bunten Freiheitsbildern, bei der Sehnsucht nach Gerechtigkeit für „Coexistence“ etwas mehr Sperrigkeit, etwas mehr Verstörung wünschen würde. Vielleicht ist es ja die Gewöhnung etwa an jene schockierende Benetton-Werbung eines Olivero Toscani, die uns diese Traumbilder vom Frieden ein wenig harmlos erscheinen lässt.

Auf einem Plakat aus Zimbabwe führen beide Fahrstreifen in Richtung „Coexistence“: Auch die unterschiedlichen Arten, mit Plakatkunst der Politik auf die Sprünge zu helfen, können und sollen getrost parallel existieren.

Platz der Republik, bis 10. Juli 2002. Der Katalog kostet 20 Euro. Am 18. Juni Podiumsdiskussion „Geist und Macht – Was kann Kunst in der Politik bewirken?“ mit Christoph Stölzl, Klaus Staeck, Elizabeth Schweeger und Andres Veiel, Moderation Hellmuth Karasek. Am 20. Juni sind Berliner Schulen von 9 - 13 Uhr zum „Coexistence Day“ geladen.

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