Kultur : Der Traum vom offenen Raum

Eröffnung der Ruhr-Triennale mit Patrice Chéreaus „Phèdre“

Rüdiger Schaper

Eine Auffahrt, ein Entrée wie zu einem neuen Fußballstadion: viel Glas, steile Metallstreben und viel Grün drumherum. Aber dies ist nicht eine verfrüht fertiggestellte Arena für die Fußball-WM 2006, sondern die Bochumer Jahrhunderthalle – das Zentrum der Ruhr-Triennale. Ein Veranstaltungsort, wie es in Deutschland wohl keinen zweiten gibt. Am Mittwochabend wurde hier mit Patrice Chéreaus gefeierter Pariser „Phèdre“-Inszenierung die Hauptsaison des Festivals eingeläutet, von dem Kritiker meinen, es sei von der nordrhein-westfälischen Landesregierung und Triennale-Intendant Gerard Mortier der lokalen Kulturszene aufgepflanzt worden wie eine alles verschlingende Krake der Hochkultur. Wie immer auch sich das hoch ambitionierte Programm der Triennale entwickeln mag – mit der Jahrhunderthalle hat der im vergangenen Jahr unter erheblichen Schwierigkeiten angelaufene Festspiel-Reigen an Rhein und Ruhr einen Anker, und die Halle wird bleiben.

Kulturstaatsministerin Christina Weiss sprach in ihrer Eröffnungsrede von der Kraft der Kunst, die sehen macht. In der Bochumer Jahrhunderthalle lässt sich das wunderschön besichtigen. 1903 ging hier die Gaskraftzentrale für die Hochöfen der Stahlindustrie in Betrieb, 1991 gab Krupp den Bau auf. Luftig-leicht wirkt die Architektur mit den spitzgiebligen Stahlträgern; eine Apotheose der Schwerindustrie, ein Kirchenschiff des Kapitalismus. 35 Millionen Euro hat nun der Umbau gekostet. Die ursprüngliche Architektur wurde nicht angetastet, es kamen unterirdische Verbindungsgänge, ein Garderobentrakt und der gläserne Eingangsbereich hinzu. Durch Vorhänge lassen sich die insgesamt 9000 Quadratmeter nahezu beliebig in Bühnen- und Zuschauerräume unterteilen. Akustik-Segel wurden eingezogen, das Glasdach blieb unverhüllt.

Mit dem Chéreau-Gastspiel gelang Mortier ein prominenter Auftakt; die „Phèdre“ ist im deutschsprachigen Raum später nur noch bei den Wiener Festwochen zu sehen. Beeindruckende Duplizität: So wie die wiedergewonnene und umgewidmete Jahrhunderthalle den Strukturwandel an ehemaligen Standorten der Schwerindustrie wie Bochum-Stahlhausen symbolisiert, zeigt Patrice Chéreau, dass es möglich ist, ein Drama der französischen Klassik zeitgenössisch zu begreifen, ohne Racines Text-Architektur zu zerschlagen. Jean Racine war Historiograph am Hofe Ludwigs XIV. und ein Günstling des Sonnenkönigs. Seine „Phèdre“ geht auf Euripides zurück, und ähnlich wie Racine hat Sarah Kane in unserer Zeit „Phädras Liebe“ (derzeit an der Berliner Schaubühne zu sehen) aus dem Mythenfundus geschöpft – und durch den Fleischwolf gedreht.

Patrice Chéreau aber schreibt und stürzt den Klassiker nicht um. Das macht diese Inszenierung zum Exempel. In seiner ersten Theaterregie nach dreizehnjähriger Pause entwickelt er – nach erfolgreicher Filmarbeit, Chéreau ist dieses Jahr Jury-Präsident in Cannes – die amour fou der Königsgattin zu ihrem Stiefsohn Hippolyte aus der Kraft der Sprache. Karg die Bühne von Richard Peduzzi: ein hohes Palasttor steht fürs Antike, daraus taumeln, schleichen, schleppen sich die Akteure, als wär´s ein riesiger Mund, der von Schmerz und Schuld Gezeichnete ausspuckt. Zart von Statur, mächtig im Aufwallen, ohne ins Deklamatorische zu fallen: Dominique Blance als Phèdre. Wie Chéreaus Schauspieler den steilen Ton und die grausam verschwiegene Noblesse des verfluchten Clans in genuiner Körpersprache finden, das zerreißt dem Zuschauer das Herz.

Worte töten. Die Götter haben den Menschen die Sprache gegeben, wie Feuer und Waffen. Und plötzlich trommelte Regen auf das Glasdach der Jahrhunderthalle. Der Moment des Wolkenbruchs schien dramaturgisch glänzend gewählt. Ein Zeichen, vielleicht: Denn die Triennale will keine geschlossene Kunstgesellschaft sein, sondern durchlässige Räume eröffnen.

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