Der Traum von Tarabya : Künstlerkolonie am Bosporus darf nicht scheitern

Noch im Juli 2009 sah es so aus, als würde in Tarabya eine Künstlerakademie endlich Wirklichkeit. Doch nun vollzog das Auswärtige Amt eine Kehrtwendung. Ein Appell.

Joachim Sartorius
Imponierendes Ensemble. Die Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Tarabya bei Istanbul. Foto: Ullstein-Bild Foto: ullstein bild - Archiv Mehrl
Imponierendes Ensemble. Die Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Tarabya bei Istanbul. Foto: Ullstein-BildFoto: ullstein bild - Archiv Mehrl

In London machte 1839 das Buch „The Beauties of the Bosphorus“ einer gewissen Miss Pardoe Furore. Auf einem Stahlstich sieht man Therapia (die alte griechische Bezeichnung für Tarabya), eine Ansammlung schöner Häuser auf einer kleinen Landzunge, dahinter der glitzernde Wasserlauf, schnittige Schiffe und grün bewaldete Hügel auf der asiatischen Seite. Fährt man heute am Bosporus entlang und hat die letzten Auswüchse der Megastadt Istanbul und den Dolmabahce Palast hinter sich, dann liegt Tarabya genau auf halbem Wege zum Schwarzen Meer. Sind die einstigen Dörfer entlang des Bosporus – Arnavutköy, Ortaköy und Bebek (mit dem besten Baklava-Bäcker der Region!) – inzwischen zu kleinen Städtchen herangewachsen, so hat Tarabya seinen alten Charme bewahrt.

Das liegt daran, dass große, teils prächtige Parks mit den Sommerresidenzen einiger Botschafter eine enge Bebauung verhindert haben. Sultan Abdülhamid II hatte den wichtigsten befreundeten Staaten hier großzügige Areale geschenkt, in der Erwartung, dass dort Villen entstehen, die den ausländischen Gesandten ein Refugium vor dem Lärm, der Hitze und dem Schmutz der Metropole bieten. Direkt am Wasser liegt noch heute das großartige Sommerhaus des ägyptischen Botschafters, erbaut in einer orientalischen Spielart des Jugendstils. Die Residenz des deutschen Botschafters wurde 1887 fertiggestellt und besteht aus einem imponierenden Ensemble von weiß gestrichenen Holzhäusern inmitten eines weitläufigen Parks. Von Lage und Zuschnitt her gehört es sicherlich zu den bedeutendsten Immobilien, die die Bundesrepublik im Ausland besitzt.

Als ich Ende der siebziger Jahre an der Botschaft in Ankara arbeitete, besuchte ich Tarabya des Öfteren. Ich fand es nicht wirklich hinnehmbar, dass der deutsche Botschafter diese grandiose Sommerresidenz nur an einem Tag im Jahr, für wenige Stunden, nutzte, um einen Empfang für die Istanbuler High Society zu geben. Die Idee lag nahe, aus Tarabya eine Begegnungsstätte für deutsche und türkische Künstler, Schriftsteller und Komponisten zu machen, analog der Villa Massimo in Rom. Auf meinen Bericht hin erschien immerhin ein Trupp der Bundesbaudirektion und errechnete die Kosten für die Winterfestigkeit der Holzhäuser und allgemeine „Ertüchtigung“ mit rund sechs Millionen DM. Dies führte dazu, dass alle schönen Konzepte in Bonner Papierkörben verschwanden. Das war bedauerlich, weil schon damals der Dialog zwischen beiden Ländern dringlich war. Bonn hatte gerade den Visumszwang für Türken eingeführt. Die Türkei fühlte sich wie eine zurückgewiesene Braut. Die Missverständnisse häuften sich.

Nun ist es mehr als dreißig Jahre später. Noch im Juli 2009 sah es so aus, als würde in Tarabya eine Künstlerakademie endlich Wirklichkeit. Der Bundestag bewilligte die nötigen Mittel für Umbau und Renovierung. Es gab ausgefeilte Pläne, die Architekten standen bereit. Die Spitze des Auswärtigen Amtes begrüßte den Entschluss der Parlamentarier. Auch Steffen Kampeter, heute Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, war eine treibende Kraft. Im Grunde handelte es sich um einen der letzten wegweisenden Beschlüsse der großen Koalition.

Aber nun hat das Auswärtige Amt eine Kehrtwendung vollzogen. Staatsministerin Cornelia Pieper hat ein Papier vorgelegt, das eine gänzlich andere Nutzung des Areals vorsieht. Von einer Künstlerresidenz ist nicht mehr die Rede. Es entsteht der fatale Anschein von Kulturfeindlichkeit, von einer Distanzierung zu Kunst und Künstlern, von einem diplomatischen corps d’esprit, als wolle man unter sich bleiben. Falls dem so ist, lässt das Auswärtige Amt eine ungeheure Chance ungenutzt verstreichen.

Monika Grütters, die Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien des Bundestags, hat zu Recht die Alarmglocke gezogen. Das Argument des Auswärtigen Amtes, die türkische Seite wolle nur eine diplomatische Nutzung, hält sie – wohl zu Recht – für vorgeschoben. Ein anderes Argument, Tarabya läge zu weit entfernt vom Zentrum Istanbuls, die Anfahrtswege seien zeitraubend, lässt sich schnell entkräften. Es gibt die wunderbaren Fähren, Istanbuls Vaporettos. Und schließlich liegt die Villa Massimo auch nicht neben dem Kapitol.

Selbst ein unbedarftes Wesen, das nur ein paar Jahre in der Auswärtigen Kulturpolitik gearbeitet hat, kapiert schließlich, dass das beste, das wirksamste Instrument der Außenkulturpolitik auch das einfachste ist: das Stipendium. Nur langfristige Aufenthalte schaffen Kenntnisse und emotionale Bindungen, die ein ganzes Leben halten. Alle Künstlerresidenzen, die der Bund unterhält – Villa Romana, Villa Massimo, Villa Aurora – sind Erfolgsgeschichten, hinreißende Belege für die Nachhaltigkeit dieses Austausches und für unzerreißbare Netzwerke. Es darf nicht sein, dass dieser einzigartige Plan, am Bosporus, an der Nahtstelle zwischen Ost und West, eine Künstlerakademie einzurichten, nichts gewesen ist als ein kühner Traum.

Joachim Sartorius ist Intendant der Berliner Festspiele und Schriftsteller. Er arbeitete von 1978 bis 1980 an der Deutschen Botschaft in Ankara. Zuletzt erschien sein Reisebuch „Die Prinzeninseln“ (2009) über die Seevorstädte Istanbuls.

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