Kultur : Der Trick mit der Taube

Eiskalt: „The Prestige“ von Christopher Nolan

Sebastian Handke

Eine verblüffende Illusion beruht vor allem auf dem Konstruktionsgeschick eines Ingenieurs. Der Trick mit der weißen Taube zum Beispiel: Das arglose Tier verschwindet auf offener Bühne samt Käfig ins Nichts. Oder genauer: hinter dem Rücken des Mannes, der sich die Apparatur des Trick-Ingenieurs Cutter (Michael Caine) an den Körper schnallt. Ein Lederkorsett, eine kräftige Spannfeder, zwei schnappende Metallzüge. So schnell geht das, dass keiner was gesehen hat.

Eine ähnlich wirkungsvolle, wenn auch sehr viel komplexere Mechanik bewegt das neue Filmrätsel des Trick-Ingenieurs Christopher Nolan: ähnlich wie in seinem Gedächtnis-Thriller „Memento“ zerbröselt Nolan das Geschehen in mehrere Zeitlinien und schichtet sie vielfach ineinander; am Schluss erst fügt sich – Tataa! – alles zum gruseligen Endeffekt wirkungsvoll zusammen. Im dreiaktigen Aufbau eines Zaubertricks nennt man diesen dritten Teil, die verblüffende Wende, „the prestige“, und manchmal, sagt Cutter, muss man sich dabei die Hände schmutzig machen. Am Ende dieses Films, so viel kann man ankündigen, sind die Hände sehr schmutzig geworden.

Basierend auf dem Roman von Christopher Priest erzählt „The Prestige“ vom grausamen Zwist der aufstrebenden Zauberkünstler Robert Angier (Hugh Jackman) und Alfred Borden (Christian Bale) im London der vorletzten Jahrhundertwende. Eine Zeit des Umbruchs, auch für Magier: Noch sind sie Berühmtheiten ersten Ranges, doch das Zeitalter des technischen Fortschritts wirft schon seine Schatten voraus. Der elegante Unterhaltungskünstler Angier und der eher ruppige Magie-Purist Borden sind Partner einer gemeinsamen Zauberrevue. Als einer ihrer Tricks entsetzlich fehlschlägt, werden Angier und Borden zu lebenslangen Feinden – besessen vom jeweils anderen, den sie in immer neuen Anläufen sabotieren, entblößen und übertrumpfen wollen. Wie ein Pendel, das immer weiter ausschlägt, steigert sich der brutale Wettkampf. Schließlich reist Angier zu Nikola Tesla (sehenswert: David Bowie): Er will dessen Forschungen zur Elektrizität nutzen für ein großes, finales Kunststück. Ein Trick, der kein Trick mehr ist, sondern reine Wissenschaft.

„The Prestige“ beginnt mit dem Ende, schlägt dann Haken und legt falsche Fährten; kaum wähnt man Boden unter den Füßen, folgt schon die nächste Überraschung. Bei wiederholter Sichtung erst fällt auf, wie sehr die Teile des Puzzles zueinander in Beziehung stehen, Nolans Geheimnis als Konstrukteur aber kommt man auch dann kaum auf die Schliche.

Virtuosität und Perfektion können allerdings nicht verbergen, dass „The Prestige“ weder Herz noch Seele besitzt. Jackman und Bale verleihen den Hauptfiguren zwar Wut und Wahn. Doch es ist wie mit der Taube: Zugrunde liegt dem Zauber nur die unerbittliche Mechanik der Konstruktion, ohne dass die Triebkräfte der Figuren glaubhaft zum Ausdruck kämen. Ein reizender, raffinierter, eiskalter – Oberflächeneffekt.

In sechs Berliner Kinos, OV im Cinestar Sony-Center

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