Kultur : Der Troja-Teller

Live aus dem Weißen Haus: Stefan Pucher inszeniert in Zürich die „Orestie“ des Aischylos als wilden Medientrip

Christina Tilmann

Ganz Zürich spricht über den Mord an dem unglücklichen Fluglotsen, der im Juli 2002 für die Flugzeugkatastrophe von Überlingen verantwortlich war. Ein Angehöriger hat wohl zum Messer gegriffen, um den Tod seiner Familie blutig zu rächen. Rache, Vergeltung, Mord: der Stoff, aus dem auch die „Orestie“ des Aischylos gestrickt ist. Die Geburt der Tragödie aus dem Geist eines Familiendramas. Und die der Demokratie gleich dazu: die Ablösung des Talions-Prinzips „wer schlug, wird geschlagen“ durch unabhängige Gerichtsbarkeit. Athen hat es begründet, Aischylos beschrieben, durchgesetzt hat es sich, wo Volkes Zorn waltet, bis heute nicht. Zu den Aussagen des Lotsen im Prozess, zur Klärung von Schuld und Vergehen, wird es nun nicht mehr kommen.

Tragödien schreibt das Leben, damals wie heute. Doch weil das alles so ernst ist, hat der liebe Gott vor die Katharsis die Fernsehunterhaltung gesetzt. Zwei angestrengt fröhliche Moderatoren im modischen Retro-Look (Daniel Lommatzsch, Jacques Palminger) stimmen das Züricher Publikum auf die zu erwartende Griechen-Strapaze ein: Es sei mit der „Orestie“ wie mit einem Troja-Teller. Hat man den bestellt und steht er dann auf dem Tisch, komme er einem doch etwas mächtig vor. Und so mancher wünschte sich vielleicht, er hätte einen kleinen Salat mit Fetakäse gewählt. Ach, und noch eine Bitte an die Leute mit Reclamheften im Publikum: Wundern Sie sich bitte nicht, wenn Sie nicht jeden Satz im Stück wiedererkennen. Ansonsten: Lehnen Sie sich zurück. Genießen Sie den Abend. Das Spiel beginnt.

Des kalauernden Vorspiels hätte es kaum bedurft. Genießbar ist die „Orestie“ in Stefan Puchers Light-Version zweifellos: Dreimal knappe neunzig Minuten, dazwischen ausgiebig Werbe- und Pinkelpause, das Buffet stiftet das Restaurant nebenan. Fast Food, kein magenbelastendes Tellergericht. Das hat Spielfilmlänge, bestenfalls, vom Ton her jedoch eher Soap-Opera-Format. Eine Familiensaga – das ist das einzige, was von der „Orestie“ geblieben ist. Wer da mit wem, und dass der Stammvater Atreus seine Neffen schlachtet, und dessen Enkel den Onkel, und die Mutter dazu, und dass der eine Bruder, Menelaos, seine Frau an den Trojaner Paris verliert und der andere, Agamemnon, sich dafür dessen Schwester Kassandra zur Geliebten nimmt, und über allem wacht das geschwisterliche Götterpaar Apoll und Athene – das sind Verwicklungen, wie sie jede Soap-Opera ersinnt. Stefan Pucher baut die Clan-Metapher weiter aus, indem er Agamemnon (Wolfram Koch) als John F. Kennedy-Wiedergänger grinsend über die Bühne schleichen lässt, und dann tritt Aigisth auf (Nicolas Rosat) und sieht aus wie der Bruder Robert. Und plötzlich erinnert Klytämnestra an Maria Callas, und Kassandra an Jackie, und in der Halbwelt des Oval Office ist auch Monica Lewinsky nicht fern.

Im jüngsten Kursbuch hat der Historiker Stephan Schlak der Generation der heute Dreißigjährigen ein Sich-nicht-(oder nur bedingt)-Einlassenkönnen bescheinigt. Nicht auf Politik, nicht auf Verantwortung, schon gar nicht auf Utopien. Lieber lehnt sie sich im Sessel zurück und betrachtet die Welt aus der ironischen Distanz des Fernsehkonsumenten. Auch der Regisseur Stefan Pucher, Jahrgang 1965, hat das Problem. Er zappt sich eine Welt zurecht, ein bisschen Kennedy-Pathos, ein bisschen Michael-Moore-Polemik, über der Rückwand flackern per Videoclip wahlweise ein Badewannenmord (Agamemnon), eine Vergewaltigung (Kassandra) oder die freundlich verwackelten Super-8-Filme einer glücklichen Kindheit mit Spielplatz und Erstkommunion (Iphigenie, Orest und Elektra).

Das spektakuläre erste Bühnenbild (Bühne: Barbara Ehnes) ist eine Mischung aus Fernsehstudio, Oval Office, Odyssee-2001-Raumstation und riesiger Freitreppe, über die Klytämnestra (glamourös: Olivia Grigolli) im roten Abendkleid stöckelt. Kassandra, ein nettes Cybergirl (Rebecca Klingenberg), kann vor Visionen kaum an sich halten, und prophezeit wahlweise, dass im nächsten Jahr mindestens 20000 Menschen von Schweizer Banken entlassen werden, dass Bin Laden erst 2005 gefasst wird, oder dass der Mann dort in der vierten Reihe bald eine hübsche Blondine kennen lernen wird – „wird aber leider nicht dauerhaft sein.“ Und die beiden Choristen im besten Rentneralter, Nikola Weisse und Peter Brombacher, scheinen der Welt des Duane Hanson entsprungen: Sie lümmeln im Fernsehsessel an der Rampe und unterbrechen die Show durch Einwürfe wie: „Man sollte doch ab und zu die Polizei vorbeischicken.“

So ist es auch kein Wunder, dass der Abend, der die „Orestie“ buchstäblich durchbuchstabiert, von O ffenheit über R ache bis E nde der Gewalt, spätestens zwischen T ragödie und I ndividualismus stecken bleibt. Nicht umsonst ist der Mittelteil, der die Kindertragödie Elektra/Orest behandelt, der stärkste: die Bühne eine Wohlfühlhölle in Florida, zwischen Swimmingpool, Golfplatz und Barbecue, ein schrill vergiftetes Familienbild, durch das die beiden Choristen wie aufgekratzte Florida-Senioren tapern und sich gegenseitig mit Skandalgeschichten übertreffen: die Kindsmörderin Althaia, Skylla, die ihren Vater umbrachte, und, am Allerbesten, das Blutbad von Lemnos. Da ist der Ruf nach der Todesstrafe nicht weit, und wer zuletzt Patty Jenkins’ „Monster“ im Kino gesehen hat (in Zürich läuft er im Cinemaxx gleich um die Ecke), weiß, wohin das führt. Mehr „Trauer muss Elektra tragen“ als „Choephoren“, das Ganze, mehr Eugene O’Neill als Aischylos, und Sebastian Rudolphs schmaler Orest ist ein Hamlet von heute, ein Zauderer, Zögerer, Unentschiedener. Einer um die Dreißig, würde man sagen.

Zur Sache geht es erst im Abschlussteil, angesiedelt in einem US-Gerichtssaal samt Sternenbanner. Die Choristen, inzwischen mit Flinte und Colt bewaffnet, wachen über Recht und Ordnung, die Geschworenen – kurz flackern noch Sidney Lumets „Die 12 Geschworenen“ über die Leinwand – sind höchst zwielichtig, Apollon (Agamemnons Wiedergänger: Wolfram Koch), der schmierigste Anwalt aller Zeiten, und die höchste Richterin Athene (Karin Neuhäuser), eine bullige Lesbe, machen kurzen Prozess. Ein völlig korrumpiertes Rechtssystem, eine billige, weil ungenaue und ressentiment-geladene Amerika-Kritik, und dann werden auch noch – Gipfel aller wohlfeilen Amerikadebatten – Bilder vom World Trade Center eingeblendet. Demokratie: Fehlanzeige. Politische Haltung: beliebig. „Alles zusammengenommen ist der Dreißigjährige für die Politik kaum mehr als nur bedingt einsatzbereit“, hat Stephan Schlak konstatiert. Stefan Pucher hat dem auf dem Theater nicht viel hinzuzufügen.

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