Kultur : Der Trost von Fremden

Die John Jasperse Company balanciert beim Berliner Festival „Tanz im August“ einen Abend lang am Abgrund

Sandra Luzina

Der Körper und die Stadt – und auch Sex in the City: der Choreograf John Jasperse reflektiert darüber, wie ein urbanes Environment die Körper und die Köpfe affiziert. Die Arbeit entstand in New York, das spürt man. Sie besitzt die analytische Kühle des Postmodernismus, doch schwingen Themen wie Größenwahn, Verwundbarkeit, Traum und Trauma mit. Natürlich assoziiert man bei „Giant Empty“ auch „Ground Zero“: die Choreografie kam vor dem 11.9.2001 heraus – die Katasprophenerfahrung hat sich dem Stück aber eingeschrieben.

Eine Diagonale aus Holzklötzchen durchzieht den Raum. Eine Tänzerin tastet sich voran. Am Ende der Bahn angekommen, baut sie weiter, stellt die Klötzchen neu zusammen. Der Mensch balanciert ständig am Abgrund – dafür findet Jasperse ein einprägsames Bild. Die weiße Frau, sie sieht so riesig groß aus wie King Kong. Wie das Monster wird später eine andere Frau eine Spur der Verwüstung hinterlassen: mit einer entschlossenen Bewegung über die Klötze rollen und sie im Nu hinwegfegen. Konstruktion und Destruktion gehen hier Hand in Hand, der Mensch ist Schöpfer und Zerstörer zugleich.

Raum begrenzen, Körpergrenzen definieren, Ego behaupten – anfangs sieht man die Tänzer in unermüdlicher Aktivität befangen. In einem durch vertikale Seile markierten Geviert bewegen sie sich mit abgezirkelten Bewegungen. Arme rotieren wie Propeller zum Maschinensound. Aus zwei Duetten entwickelt sich ein Quartett, ein komplexer sozialer Mechanismus. Sich-Bewegen und bewegt werden: Die vier halten den Motor am Laufen, bewegen sich mit der Präzision eines Uhrwerks. Doch dem ist die Erfahrung eingeschreiben, dass der andere Körper immer auch ein Widerstand, ein Hindernis ist. Der Andere ist die Grenze meiner (Bewegungs-)Freiheit.

Paare, Passanten – und ein abrupter Stillstand. Plötzlich dieser soziale Organismus ist nicht mehr funktionsfähig. Die beiden Frauen agieren wie nach einem Schock. Jasperse führt an den Nullpunkt der Bewegung zurück. Fallende Körper, zerfallende Gesten. Die Sound-Collage schwillt zu einem Klanginferno an. Rette sich wer kann.

Jasperse verfolgt der Ruf, mit Vorliebe männliche Nacktheit in Szene zu setzen. Das nervt ihn manchmal, und dann setzt er noch eins drauf!

Wenn John Jasperse und Miguel Gutierrez diesmal unterm Tanzteppich hervorkriechen, sind sie nackt. Hier schmiegt und presst sich Haut und Haut, Hintern an Hintern. Eine Ganzkörperberührung, ein dunkles Fühlen und Spüren, das keine Augen und Hände braucht. Keine explizit sexuellen Handlungen sind zu sehen, doch das Publikum hält den Atem an. Die Wahrheit des Fleisches, Jasperse zerrt sie in grelles Licht . Und doch hat dieses Duo etwas Tröstliches Aber es ist der Trost von Fremden. Nach dem ersten Blick gehen die beiden Männer dann gleich auseinander.

Man kann Jasperse nicht unterstellen, dass er uns tröstliche Botschaften bieten will. Was er in „Giant Empty“ vor Augen führt, sind Einstürzende Neubauten, der Kollaps der Körper, der Zusammenbruch aller Gewissheiten. Ihm gelingt ein beunruhigendes Stück, das an den Nerven zerrt – auch wegen mancher enervierender Wiederholungen. Das Schlussbild erinnert auf hinterhältige Weise an ein Kinderspiel: Aus den Klötzchen baut sich Jasperse die Skyline von Manhattan. Bis zur nächsten Katastrophe.

Noch einmal am 25.8. in der Schaubühne .

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