Kultur : Der Turmbau von Bonn

Die Zentrale der Deutschen Post wächst in den Himmel von Nordrhein-Westfalen

Ulf Meyer

Seinen Abstieg von der Haupt- zur „Bundes“-Stadt versucht Bonn, mit einem architektonischen Großprojekt zu kompensieren: In den Himmel des früheren bundesdeutschen Regierungssitzes ragt seit kurzem ein Bürohochhaus, das sogar den Kölner Dom übertrifft: die neue Konzernzentrale der Deutschen Post AG. Über 2000 Mitarbeiter finden in den vierzig Etagen des neuen Hochhauses am Rheinufer ihren Arbeitsplatz.

Die neue Zentrale soll ein „Symbol für den Wandel“ und „Zeichen für Bonns neue Rolle als Dienstleistungsstandort“ sein. Denn die Bonner Skyline wurde bisher von dem 112 Meter hohen berühmten Hochhaus geprägt, in dem die Bundestagsabgeordneten ihre Büros unterhielten. Der Neubau der Post-Zentrale ist deutlich höher als Egon Eiermanns „Langer Eugen“.

Als neues Bonner Wahrzeichen soll der Post-Turm im früheren Regierungsviertel den Beginn einer neuen Ära für die Stadt symbolisieren: das endgültige Ende der Nachkriegsgeschichte Bonns als Regierungssitz. Die mittlerweile privatisierte und zu Europas größtem Logistikkonzern gewachsene Deutsche Post hat sich für Bonn als Konzernstandort entschieden. Geschickte politische Lobby-Arbeit der Bonner Stadtvertreter hat dazu geführt, dass die rheinische Stadt heutzutage mit der Telekom und der Post Sitz nicht nur von zwei riesigen ehemaligen Staatsbetrieben, sondern auch diverser UNO-Institutionen geworden ist.

In unmittelbarer Nähe des alten Abgeordnetenhochhauses steht nun ein 162 Meter hohes Glashochhaus nach Entwurf des berühmten Architekten Helmut Jahn. Der 60-jährige Nürnberger aus Chicago hat mit dem Messeturm in Frankfurt und dem Sony-Center in Berlin zwei der markantesten Hochhäuser in Deutschland entworfen.

Unter den Beiträgen von mehr als 300 Architekten aus dem In- und Ausland konnte sich Jahns Entwurf bei einem Architektenwettbewerb erst nach einigen Rangeleien durchsetzen. Die Post distanzierte sich von dem Wettbewerbssieger, dem deutschen Architekten Paul Böhm, und bevorzugte den zweitplazierten Deutschamerikaner. Von Fachpresse und -verbänden wurde diese Entscheidung heftig kritisiert.

Einwände, dass die Bonner Rheinauen kein idealer Standort für ein so großes Hochhaus seien, wischte Jahn mit dem Hinweis fort, dass das Abgeordnetenhochhaus von Egon Eiermann seinerzeit genauso bekämpft worden sei. Der Grundriss des umstrittenen Entwurfs für die neue gläserne Zentrale ist, ähnlich wie beim Sony-Center in Berlin, auf einer Halbellipse aufgebaut. In Bonn setzt sich der Doppelturm aus zwei leicht versetzten Ellipsenhälften zusammen, die auf jeder Etage durch verglaste Gänge miteinander verbunden sind. Nach jeweils neun Stockwerken gibt es so genannte Himmelsgärten. Sie gliedern das Hochhaus in vier Abschnitte. Die beiden Türme werden über einen Zwischenraum von sieben Metern hinweg von gewaltigen Andreaskreuzen zusammengehalten. Fast jeder der zwanzig Lifts ist als Panoramaaufzug ausgestaltet.

Neben der zehn Meter hohen Vorhalle liegen in einem Sockelgebäude Kantine, Cafeteria und Konferenzsäle. Am Fuß des Turms liegt der „Schürmann-Bau“, der nach Abzug der Abgeordneten nach Berlin die „Deutsche Welle“ aufnimmt. Die zweischalige Glasfassade des Hochhauses erleichtert die natürliche Belichtung und Belüftung der Büros. Innen liegen Gruppen- und an den Außenfassaden Einzel- und Doppelbüros. In der 39. Etage residiert der Vorstandschef mit einem weiten Rundblick auf das Siebengebirge, die Hocheifel, über den Rhein und die Stadt Bonn. Bei klarem Wetter sieht er sogar den Kölner Dom. Im obersten Stockwerk liegen Konferenzsäle.

Der französische Lichtkünstler Yann Kersalé hat im Rahmen von „Kunst am Bau“ ein interessantes Beleuchtungskonzept für das Hochhaus entworfen: Leuchtstoffröhren zwischen den beiden Fassaden lassen den Bau in verschiedenen Farben erstrahlen. Nachts wird die Hochhausfassade computergesteuert mit ineinander übergehenden Lichttönen illuminiert.

Unabhängig von der Architektur und der mit ihr verbundenen politischen Symbolik stellt sich tatsächlich die Frage, ob ein so großes Gebäude in die Rheinauen passt. Doch während Kritiker den Standort eine „verfehlte stadtplanerische Entscheidung“ nennen und „ein Symbol der Landschaftszerstörung“, überwiegt in Bonn die Zufriedenheit über den Imagewechsel von der einstigen Bundes- zur jetzigen Telekom-Hauptstadt.

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