Kultur : Der Turmbau zu Manhattan

Was von Daniel Libeskinds Vision übrig blieb: Heute wird auf Ground Zero der Grundstein gelegt

Matthias B. Krause

Genau 16 Monate liegen zwischen der Veröffentlichung der beiden Fotos. Das eine zeigt Daniel Libeskind in einem Moment kindlichen Stolzes, aufgenommen im Februar 2003, als er gerade zum Gewinner des Architektur-Wettbewerbes um den Ground Zero in New York gekürt worden war. Die Hände vor dem Körper gefaltet, die Augen geschlossen, das Lächeln innig, posiert der Mann selbstbewusst vor seinem Modell. Für die andere Aufnahme bräuchte man eine Lupe, um seinen Gesichtsausdruck überhaupt zu erkennen. Die Fotoredakteure der „New York Times“ haben aus dem Bild nur die Person ausgeschnitten und so wandert Libeskind alleine über eine ansonsten weiße Fläche. Titel der Story vom vergangenen Wochenende: „The Incredible Shrinking Daniel Libeskind“ – Hilfe, wir haben den Architekten geschrumpft.

Wenn die Honoratioren an diesem Sonntag zur Grundsteinlegung des Freedom Towers am Ground Zero in Lower Manhattan zusammenkommen, werden sie sich alle von ihrer besten Seite zeigen. Bürgermeister Michael Bloomberg, die Gouverneure von New York und New Jersey, Pächter Larry Silverstein, sein HausarchitektChris Childs und natürlich Daniel Libeskind. Der wird lächeln, wie es das Protokoll vorsieht, doch das ist diesmal wohl eher eine Maske. Was sich dahinter verbirgt, darüber rätseln viele.

Die einen sagen, der Star-Architekt sei lediglich so etwas wie ein Trojanisches Pferd gewesen für die Strippenzieher in der New Yorker Geschäftswelt. Einer, der der Stadt und der Nation eine Vision gegeben hat, als sie sie am meisten brauchte. Denn im Sommer 2002, bei der Vorstellung der ersten Pläne für die Neugestaltung von Ground Zero, hatten sich die New Yorker beklagt: Zu wenig Passion, zu wenig Emotion stecke in den Entwürfen. Libeskinds emphatisch-poetische Architektur kam da gerade recht. Gleichzeitig sahen viele in seiner Krönung als Sieger des Wettbewerbs eine Art Ablenkungsmanöver. Mittlerweile sind die Truppen aus dem Schatten herausgetreten und ziehen durch, was sie schon immer vorhatten mit der Fläche, auf der bis zum Morgen des 11. September 2001 die Doppeltürme des World Trade Centers standen: die Maximierung ihre Geschäftsinteressen.

Die anderen sagen, der genialische Träumer sei im Lauf des Verfahrens einfach unter die Räder gekommen. Eingezwängt zwischen Kompromissen, niedergerungen von der Macht des Faktischen. So lange ging das, bis der Freedom Tower nicht mehr den spektakulären Plänen entsprach und nur noch ein schwacher Abklatsch seiner Ideen blieb. Kein eleganter, schmaler Turm, sondern eine wuchtige Konstruktion. Keine grüne Oase in luftiger Höhe, stattdessen hängende Turbinen. Kein Lichtkeil scheint bis auf die Plaza, kein Rundweg wird über die Gedenkstätte führen. Und auch die Fundamente, die so symbolträchtig unbearbeitet stehen bleiben sollten, sind perdu. Das jetzige Gesamtkonzept ähnelt auffallend jenem ursprünglichen Plan, den die New Yorker Öffentlichkeit so empört verworfen hatte als zu uninspiriert, zu klobig, zu kommerziell.

Nur noch vier Prozent der Gesamtfläche des Freedom Towers entsprechen Libeskinds Originalentwurf: So hat es der Architektur-Kritiker des „New York Magazine“ ausgerechnet. Alles andere entstand im Hause Chris Childs.

Die dritte Interpretation des Streits zwischen Architektenteams und Investoren stammt von Daniel Libeskind selbst. Wer ihm nun bescheinige, er habe seinen Einfluss und sein Mitspracherecht verloren, der habe seinen Auftrag als Wettbewerbssieger von Anfang an falsch verstanden. Nie sei es darum gegangen, den neuen Tower und die anderen Hochhäuser, die Gedenkstätte und das Museum haargenau so zu bauen, wie er sich das ausgedacht habe. „Der Masterplan bildet die Bühne“, wiederholt Libeskind wieder und wieder. „Er bedeutet nicht das Ende der Vorstellung, sondern entwickelt sich weiter in einer kooperativen, stimulativen Partnerschaft mit den Mitspielern.“ Das klingt, als rede sich da einer was schön.

Man braucht sich nur das Verhältnis zwischen dem Masterplaner und dem Pächter sowie Geldgeber Larry Silverstein anzusehen. Die „Partnerschaft“ ist mittlerweile so weit abgekühlt, dass vorwiegend die Anwälte der beiden Parteien miteinander kommunizieren. Denn neben den Differenzen zwischen künstlerischem Anspruch und ökonomischer Kalkulation geht es nicht zuletzt ums liebe Geld. 800000 Dollar verlangt Libeskinds Architektenbüro für seine Arbeit von dem Immobilienmagnaten. Aber der will nur 125000 Dollar bezahlen. Ehefrau Nina Libeskind, Managerin des Architekturbüros, nennt dies in der Wochenzeitung „The Observer“ „fast eine Beleidigung“. Und weiter: „Er haut uns wahrscheinlich wegen unserer Meinungsverschiedenheiten jetzt auf die Finger. Aber es macht den Eindruck, als ob er unsere Arbeit weder ernst nimmt noch wertschätzt.“

Silverstein wiederum ließ durch seinen Sprecher darauf hinweisen, dass die Libeskinds bereits von der zuständigen Entwicklungsgesellschaft mit 2,5 Millionen Dollar entlohnt worden seien. Er wolle nur doppelte Bezahlung vermeiden. Prompt sprang die konservative Presse dem Immobilienmann bei. Das Boulevard-Blatt „New York Post“ kreierte den Begriff des genius fee: Libeskind verlange einen Genie-Zuschlag. Auch von seinem einstigen Gönner George Pataki, dem mächtigen Gouverneur des Bundesstaates New York, kann der Architekt keine Hilfe erwarten. Der republikanische Politiker hat seine eigene Agenda, die da lautet: Baubeginn soll doch nicht am 11. September, sondern Ende August sein, koste es, was es wolle. Denn dann tagt der Parteikongress, der George W. Bush zum Präsidentschaftskandidaten küren wird. Der Streit zwischen Libeskind und Silverstein wird wohl vor Gericht gehen.

Dort hat der Pächter von Ground Zero wenig gute Erfahrungen gemacht. Seine Forderung, die Versicherungen müssten ihm für den Verlust der Twin Towers mehr als sieben Milliarden Dollar gutschreiben, für jeden der Türme rund 3,5 Milliarden, wurde abgewiesen. Das Gericht verstand den Anschlag als ein zusammenhängendes Ereignis, nicht als zwei getrennte: Damit sinkt die Entschädigungssumme auf die Hälfte. Die Hafenverwaltung von New York und New Jersey, rechtlich Eigentümer der berühmtesten Baustelle der Welt, verlangte daraufhin Garantien von Silverstein, dass er seine Verpflichtungen auch einhalte. Allein 10 Millionen Dollar Monatsmiete muss er derzeit zahlen, 1,6 Milliarden wird der Freedom Tower voraussichtlich kosten. Und die Einweihung ist wohl erst 2009. Und einen Hauptmieter für die Neubauten kann Silverstein bislang nicht vorweisen.

Die New Yorker selbst scheinen das Loch im Herzen der Stadt allmählich zu vergessen. Es scheint, als seien die Stadtbewohner damit zufrieden, die Sache einmal in Libeskinds Hände gelegt zu haben. Der Gemüsemarkt wird wieder dort abgehalten, der Alltag zieht ein. Dass der Freedom Tower zurechtgestutzt wurde, raubt niemandem den Schlaf. Vielleicht ist der Ärger über die neuerliche Kommerzialisierung nur verdrängt – wie der betäubte Schmerz über das Trauma des 11. September. Aber offenbar fehlt die Kraft, noch einmal aufzustehen gegen die, die nach eigenem Gutdünken regieren.

Außerdem ist da Vertrauensmann Daniel Libeskind, der die Sorgen zerstreut. Nach dem „Schrumpf“-Artikel schrieb er einen Leserbrief an die „New York Times“. Er sei glücklicherweise immer noch 1,72 Meter groß und als Masterplaner von Ground Zero immer noch intensiv engagiert. „Ich schrumpfe nicht. Weder physisch, noch metaphorisch.“

Am heutigen amerikanischen Unabhängigkeitstag wird auf dem New Yorker Ground-Zero-Gelände der Grundstein für den 1776 Fuß (541 Meter) hohen „Freiheitsturm“ gelegt. Die symbolische Zahl 1776 erinnert an das Jahr der Unabhängigkeitserklärung.

Der Freedom Tower ist Kernstück des künftigen World Trade Centers, geplant sind vier weitere Hochhäuser , eine Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlags vom 11. 9- 2001 und ein Kulturzentrum. Zwischen dem Bauherrn Larry Silverstein und dem Masterplaner Daniel Libeskind (Foto) war es zum Streit gekommen. Der Turm soll 2009 fertig gestellt sein. Kostenpunkt: 1,6 Milliarden Dollar.

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