Kultur : Der Überlegene muß beginnen

GERWIN KLINGER

"50 Jahre Israel": ein Diskurs in der Berliner Humboldt-Universität über die Utopie Martin BubersVON GERWIN KLINGEREin aufmerksamer Beobachter will die Feststellung gemacht haben, daß die Zahl der Veranstaltungen zum 50.Jahrestag der Staatsgründung Israels jene zum Jubiläum der 1848er-Revolution übersteigt.Hier wirken, so scheint es, nicht allein deutsche Schuldgefühle, sondern auch bange Hoffnungen angesichts des Friedensprozesses.Das jedenfalls legt die Veranstaltung "Fünfzig Jahre Israel.Ein Land - zwei Völker" nahe.Die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Stiftung Neue Synagoge Berlin und das Judaistik-Institut der Freien Universität hatten zum Diskurs über die zionistische Utopie Martin Bubers geladen und waren vom Publikumsandrang überrrascht.Kurzfristig mußte vom Centrum Judaicum ins Audimax der Humboldt-Universität umgezogen werden.Wiewohl der israelisch-palästinensische Konflikt thematisiert wurde, wollte der Abend ausdrücklich ein Beitrag zu den Israel-Feiern sein: dieser Spagat gelang, weil sich alle auf Bubers Ideen und Haltungen bezogen.Paul Mendès-Flohr von der Universität Jerusalem zeigte den jüdischen Religionsphilosophen als Gründungsvater eines Zionismus der Versöhnung.Sein Denken bildete sich im Spannungsfeld von jüdischer Aufklärung, chassidischer Frömmigkeit und einem vom utopischen Sozialismus geprägten Kultur-Zionismus, kreisend um Gerechtigkeit, Dialog und Gemeinschaft begründenden Respekt.Hier ist Bubers Konflikt mit den anderen, den national orientierten Köpfen der zionistischen Bewegung wie Theodor Herzl oder Ben Gurion angelegt, der sich gerade in der "arabischen Frage" zeigte.Unter dem Druck der Judenverfolgung war Buber 1938 nach Palästina ausgewandert.Von Anfang an verlangte er anzuerkennen, daß Palästina, die angestammte Heimat der Juden, auch Heimat der dort geborenenen Araber sei.Zion könne nur gelingen, "wenn wir den Anspruch, der uns entgegentritt, in vollem Umfang ehren, ohne auf unseren eigenen Anspruch zu verzichten".Noch 1948, am Vorabend der Staatsgründung, fordert er: "Positiv gesprochen, Entwicklung einer echten Interessengemeinschaft durch Einbeziehung des anderen Volkes in unsere wirtschaftliche Tätigkeit im Lande.Negativ gesprochen, Vermeidung aller einseitigen politischen Proklamationen." Den Staat Israel, der dann tatsächlich in einem Krieg gegründet wird, hat er als den seinen akzeptiert: als einen, dem es aufgegeben ist, seinen Gründungswiderspruch zu lösen, ein binationaler Staat zu werden, in dem kein Volk das andere dominiert.Buber war, wie Gershom Scholem gesagt hat, der Apostel Israels, der in einer Sprache sprach, die allen verständlicher war als den Juden selber.Mohammed Abu-Zaid, Mediziner und Deutschlehrer aus dem Westjordanland, arbeitet mit Mendès-Flohr in einem palästinensisch-jüdischen Dialog-Projekt.Seine Reise nach Berlin wäre beinahe an der jüngst über die besetzten Gebiete verhängten Sperre gescheitert.Er sprach zur Bedeutung der Ideen Bubers für die Araber Palästinas, denen "50 Jahre Israel" soviel bedeutet wie "50 Jahre Vertreibung aus der Heimat": noch immer dürfen sie sich nicht frei bewegen, werden sie wirtschaftlich und kulturell niedergehalten.In palästinensischen Kreisen sei der zionistische Humanist Buber erst in den 70er Jahren wahrgenommen worden, waren es doch nicht seine Ideen, die gesiegt haben, sondern die von Ben Gurion, der das Land "befreite", statt an Gerechtigkeit zu denken.Heute nun versuchen die Palästinenser, "zu Wort zu kommen, weil wir gelernt haben, nicht alles abzulehnen, für das Israel steht".Der Dialog könne nur gelingen, "wenn Israel das arabische Volk von Palästina in der Westbank anerkennt.Die Palästinenser haben Israel anerkannt."Die entscheidende Frage sei, wieviel Land den Palästinensern bleibe, so Abu-Zaid.Es liege an den Israelis, initiativ zu werden, da sie die überlegene Seite darstellen.Die Moderatorin Anke Martiny sprach die religiös-fundamentalistische Komponente im Judentum an, durch die viele Probleme zusätzlich belastet werden.Frau Agassi-Buber, Ehrengast des Abends, verwies auf die Religiosität ihres Vaters: diese habe für ihn nicht bedeutet, sich auf die praktischen Probleme der Gerechtigkeit nicht einzulassen.Im Gegenteil, er habe gegen allen Widerstand die Rückkehr von 100 000 vertriebenen Palästinensern gefordert.Niemand weiß, wie ein Weg aussehen soll, der den palästinensisch-israelischen Friedensprozeß aus der Sackgasse führt; es war eine Jubiläumsfeier ohne Euphorie, geprägt von einem Beifall für alle Beiträge, der dem Bemühen um Verständigung galt.Mit kleinen Gesten bekundete man sich gegenseitigen Respekt.

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