Kultur : Der Überschallflieger

Er ist der berühmteste russische Dirigent. Und ein Getriebener. Valery Gergiev gastiert bei den Berliner Festwochen mit dem St. Petersburger Marijnski-Theater

Frederik Hanssen

Eine Szene wie aus einer ziemlich billigen Kinokomödie. Ort der Handlung: die Lobby des Berliner Hotel Hyatt. Im Vordergrund sitzt ein Musikkritiker, ihm gegenüber der Enkel von Sergej Rachmaninov, der ohne Punkt und Komma auf den Journalisten einredet. Derweil huscht in regelmäßigen Abständen der Dirigent Valery Gergiev vorbei, mal mit Handy, mal ins Gespräch mit seiner Presseagentin vertieft, dann wieder umringt von einem Trupp Bittsteller. „Ach, Sie wollen gar nicht mit mir sprechen“, hatte der auf Rachmaninov-Promotiontour in Berlin weilende Komponistenenkel enttäuscht gesagt. „Maestro Gergiev werden Sie aber so leicht nicht zu fassen kriegen, das sag’ ich Ihnen gleich!“ Im Wissen um seinen fest zugesagten Gesprächstermin hatte der Zeitungsmann höflich gelächelt und sich die Suada des Erben angehört. Leider behielt der Russe nicht nur in Bezug auf die Verfügbarkeit seines Landsmanns Recht, sondern – nachdem einzig die Fahrt mit Gergiev im Taxi zum Flughafen als Interviewmögichkeit übriggeblieben war – auch das letzte Wort: „Zum wahren Künstler, junger Mann“, rief er dem Journalisten hinterher, „wird nur, wer wahrhaft leidet!“

Oder wer leidenschaftlich arbeitet. So wie der 1953 als Offizierssohn in Moskau geborene und im Kaukasus aufgewachsene Valery Abissalovich Gergiev. Verglichen mit ihm erscheint selbst ein musizierender Marathon-Mann wie Daniel Barenboim als Bummelant. 250 Tage im Jahr steht Gergiev dem St. Petersburger Marijnski-Theater zur Verfügung, 80 bis 100 Aufführungen dirigiert er vor Ort in Russland, Dutzende weitere auf den weltweiten Tourneen mit seinem Opernhaus. Daneben ist er Chefdirigent der Rotterdamer Philharmoniker, erster Gastdirigent der New Yorker Metropolitan Opera und künstlerischer Leiter von sechs großen Festivals. Seinen Berlin-Auftritt mit der Staatskapelle hat er zwischen zwei Programme mit den Wiener Philharmonikern geklemmt. Jetzt muss er unbedingt den Flieger nach Österreich erwischen, weil die Wiener extra seinetwegen eine Probe um zwei Stunden verschoben haben.

Valery Gergiev ist im Mai 50 Jahre alt geworden. Aber sein Gesicht sieht so zerknittert aus wie der schwarze Leinenanzug, den er trägt. Lange kann er diese Vielfachbelastung nicht mehr aushalten, das weiß er selber. „Doch was soll ich machen?“, fragt er, „Ich bin nun einmal verantwortlich für mein Marijnski.“ Schon die historischen Fakten sprechen dafür, dass man ihm diese ganz unzeitgemäße, weil uneigennützige Einstellung glauben darf: Nachdem sich der 24-jährige Nachwuchskapellmeister 1977 ein Reisevisum erbettelt und in Berlin den Herbert-von-Karajan-Dirigentenwettbewerb gewonnen hatte, stand ihm das kapitalistische Ausland offen. Doch er ging nach St. Petersburg, begann als Assistent am damals noch nach dem sowjetischen Märtyrer Kirov benannten Opernhaus der Stadt und arbeitete sich in elf Jahren zum Chef hoch.

Mit der politischen Wende kam auch Gergievs Stunde: Schneller als andere begriff er, dass selbst ein Traditionshaus wie das Marijnski auf absehbare Zeit nur mit Geld aus dem Westen überleben kann. Seitdem tingelt er mit seiner Truppe durch die Kulturmetropolen. Premieren kommen fast nur noch als Coproduktionen heraus, bezahlt von den finanzstarken Partnern, die dafür das Recht der ersten Nacht erhalten. 2003 waren die Petersburger bereits in Graz, Paris und Baden-Baden, in Washington, New York und Tokio.

Und nun also bei den Berliner Festwochen: Die Tickets für das Gergiev-Gastspiel an der Deutschen Oper gingen reißend weg – und das, obwohl keineswegs nur Mainstream angeboten wird. Der Stardirigent selber hatte darauf bestanden, neben Tschaikowskis „Eugen Onegin“ zwei Meisterwerke jener Komponisten zu präsentieren, die ihm besonders am Herzen liegen. „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitri Schostakowitsch, dessen Sinfonien er gerade neu einspielt, und den „Feurigen Engel“ von Prokofiew.

Der in Gergievs Geburtsjahr 1953 gestorbene Sergej Prokofiew steht dem Dirigenten ästhetisch besonders nahe. Immer, wenn er Prokofiews Musik höre, tauchten sofort Bilder vor seinem geistigen Auge auf: „He is theatrical and cinematic“, schwärmt er in bestem Englisch. Brillant und prachtvoll, mit Tendenz zum Pathos und einer Emotionalität, die mitreißt, aber nicht sehr tief geht – so klingt auch vieles, was Gergiev dirigiert. Beobachtet man seine dämonische Mimik, sieht man ihn mit rückhaltloser Emphase im Orchestergraben oder auf dem Konzertpodium agieren, stellt sich eine Faszination ein, die der Musik im Augenblick des Erklingens effektvoll Bedeutung verleiht.

Gergiev weiß, dass er ein Live-Künstler ist. Darum sind fast alle seine CDs Aufführungsmitschnitte. Wie kaum einem zweiten gelingt es ihm, nicht nur das Publikum auf seine Seite zu ziehen, sondern auch die Künstlerkollegen. Wer mit Gergiev gearbeitet hat, schwärmt von seinem glühenden Mitteilungsdrang, seiner musikalischen Naturgewalt, von seiner Fähigkeit, andere zu inspirieren. Aber der „wilde Mann der Musik“, wie ihn die „Times“ nannte, gilt auch als hitzig und despotisch, als „Zar“, der sich mit seinem Allmachtsanspruch selbst gefährdet.

Russische Freunde, die sich gut in der Musikszene auskennen, schwören Stein und Bein, dass Gergiev nur darauf warte, sich auch noch das Moskauer Bolschoi-Theater unter den Nagel zu reißen. Dass er jüngst bei einer Opernpremiere in der Hauptstadt mit Vladimir Putin eine Loge teilte und beide nach der Pause nicht wieder auftauchten, hatte einen rein künstlerischen Hintergrund, beteuert Gergiev. Der Maestro, der sich für einen unpolitischen Menschen hält, will mit Putin lediglich über Gelder für einen Erweiterungsbau des Marijnski verhandelt haben, den der französische Architekt Dominique Perrault bauen soll. Putin sei zwar nicht gerade ein bekennender Musikfan, „aber er hat ein offenes Ohr.“ Zumindest, wenn Valery Gergiev ihm etwas hineinflüstert.

Nur für „Lady Macbeth“ am 28. und das Konzert am 29. Oktober gibt es noch Restkarten.

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