Der ukrainische Pianist Serhiy Salov : Oh, Heimat

Er lebt mittlerweile in Kanada, beobachtet die Entwicklungen in seiner Heimat aber genau. Ein Gespräch mit dem Pianisten Serhiy Salov über die Ukraine - und warum sie eine stärkere West-Anbindung braucht.

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Serhiy Salov
Serhiy SalovFoto: Doris Spiekermann-Klaas

Anderthalb Jahre ist es her, dass Serhiy Salov seine Heimatstadt zuletzt gesehen hat. Im September 2013 trat der Pianist im Konservatorium der ostukrainischen Industriemetropole Donezk auf – in etwa mit demselben Programm, das er jetzt bei seinem Konzert in der Rotunde des Tagesspiegel-Gebäudes spielte: ein hoch virtuoses Panorama vom Barock bis zur Moderne, das auch eigene Bearbeitungen von Orchesterwerken Debussys und Mussorgskys für Soloklavier einschloss.

Kurz nach jenem letzten Besuch brach in Salovs Heimat der Krieg aus. Die „Donezker Volksrepublik“, wie die Separatisten das umkämpfte Gebiet nennen, hat Salov nie besucht. „Der Weg ist zu gefährlich“, sagt der Mittdreißiger. „Ich habe zwei kleine Kinder, die brauchen mich.“

Mit seiner Familie lebt Salov in Montreal. Mit 15 zog er zum Studium ins deutsche Freiburg. Es folgten vier Jahre in London, bevor Salov schließlich nach Kanada übersiedelte. Donezk sieht er nun nur noch in den Fernsehnachrichten. Früher, erzählt Salov, habe die Erwähnung seiner Heimatstadt im Westen ratloses Schulterzucken ausgelöst. Heute kenne jeder Donezk, aber es ist ein Ruhm, dessen Umstände Serhiy Salov nicht glücklich machen können.

Noch beim letzten Besuch habe die Region auf ihn den Eindruck einer „völlig ruhigen, normalen Gesellschaft“ gemacht. Gut, die einen sprachen Russisch, die anderen Ukrainisch und wieder andere die Mischform Surschik, aber für die meisten Einwohner seien die kulturellen Unterschiede eher ein Anlass für gemeinsame Witze gewesen. „Dass das einmal mit Granatwerfern ausgefochten werden würde, konnte sich niemand vorstellen.“

Serhiy Salovs Mutter lebt in London, sein Vater starb vor dem Krieg. Zurückgeblieben in Donezk sind seine Schwester, sein Bruder und ein paar entferntere Verwandte. Fliehen sei für sie keine Option, sagt Salov, weil sie anderswo keine wirtschaftliche Perspektive hätten. Wenn Salov mit ihnen telefoniert, klagen sie über das Gefühl, zu Marionetten eines grenzüberschreitenden Machtkampfs geworden zu sein.

Salov selbst spricht eher von einem globalen Wertekonflikt. Russland, sagt er, sei der Ukraine zwar in jeder Hinsicht ähnlicher als Amerika, trotzdem wünsche er sich eine West-Anbindung seines Heimatlandes. „Ein anderes Wertesystem wäre besser für die Ukraine, auch wenn Russland uns kulturell so viel näher steht.“ Vor allem die Korruption müsse das Land hinter sich lassen: „Niemand hier kann sich vorstellen, wie das ist, wenn man an jeder Stelle Schmiergelder zahlen muss, für jede medizinische Leistung, jeden Ausbildungsschritt.“

Dass er seine alte Heimat bald wiedersehen wird, glaubt Serhiy Salov nicht. „Genau wie Ihr Außenminister Frank- Walter Steinmeier befürchte ich inzwischen, dass die Lösung dieses Konflikts Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern wird.“

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