Kultur : Der Unbelehrbare

Fahles Ende einer Debatte: Handke, Heine, die Politik und der Preis der Wahrheit / Von Hans Christoph Buch

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Kann ein Autor auf einen Preis verzichten, der ihm zuerst zuerkannt und dann wieder aberkannt worden ist? Er kann, wenn er Peter Handke heißt, und das ist nur eine von vielen Ungereimtheiten eines Skandals, der sich so weit vom Ausgangspunkt entfernt hat, dass sein Auslöser – die Vergabe eines Preises für Völkerverständigung an den Sympathisanten eines Völkermörders – in Vergessenheit zu geraten droht. Abgesehen davon, dass Heine und Handke literarisch kaum etwas verbindet, wurde inzwischen, so scheint es, fast alles gesagt. Das Fass ist übervoll, und jedes weitere Wort droht eine Überschwemmung auszulösen.

Überblickt man das Medienecho der letzten Wochen, ergibt sich ein paradoxer, Besorgnis erregender Befund: Die wenigen in deutschen Feuilletons befragten serbischen Autoren – allen voran Bora Cosic und Biljana Srbljanovic – distanzieren sich vehement von Handke, der sich, statt mit den Opfern des Konflikts, mit den Tätern solidarisiert und an Milosevic’ Grab unter Kriegsgewinnler und Mafiosi eingereiht habe. Beide bezichtigen ihn, ein falscher Prophet zu sein, der Propagandalügen verbreitet und Ressentiments bestätigt habe und darüber hinaus nichts verstehe von serbischer Sprache und Kultur.

Diametral entgegengesetzt war die Reaktion deutschsprachiger Autoren, die in freiwilliger Unterwerfung oder aus falsch verstandener Solidarität vor Handke zu Kreuze krochen. Alles, was Rang und Namen hat im Kulturbetrieb – vom PEN bis zur „Zeit“, von Alice Schwarzer und Elfriede Jelinek bis zu Wim Wenders und Botho Strauß – beteiligte sich an der Heiligsprechung des Schriftstellers und kündigte ohne Not einen Konsens auf, der bis dahin gegolten hatte: Dass das Leiden der Opfer, nicht die vermeintliche Genialität eines Einzelnen der Maßstab ist, nach dem Menschheitsverbrechen be- und verurteilt werden. Das ist keine Frage der Moral, sondern eine der Logik, und hat nichts mit politischer Korrektheit zu tun: Die antisemitischen Hasstiraden von Pound und Céline entwerten nicht deren literarisches Werk, aber dessen Qualität ist kein Argument gegen Auschwitz. Leichenberge und Literatur werden nicht mit derselben Waage gewogen, wie Claude Simon einst Jean-Paul Sartre entgegenhielt.

Ganz nebenbei hat Botho Strauß die fatale Dichotomie von Dichtern und Asphaltliteraten wiederbelebt, denn die Wahrheitssuche der Reporter und Journalisten, die im belagerten Sarajewo Leben und Gesundheit riskierten (und oft genug verloren), gilt ihm weniger als das Dichterwort von den honiggelben Nudelnestern, die Peter Handke „unter Tränen fragend“ in den Schluchten des Balkans entdeckte. Handkes Tränen galten nicht den Opfern des Krieges, es waren Tränen des Selbstmitleids, denn anders als das am Boden kriechende „Gezücht“, über das Strauss sich mokiert, ist der „in der Höhe härter“ gewordene Dichter sich selbst genug und blickt „mit erhobener Stirn“ über die Niederungen hinweg.

Der Stadtrat von Düsseldorf, so wird geklagt, habe Handkes Bücher nicht gelesen. Das ist verzeihlich, nicht nur, weil es für viele Jurys gilt, sondern weil das Spätwerk des Meisters immer unlesbarer wird, besonders von Pathos triefende, hohl tönende Stücke mit Titeln wie „Die Reise ins sonore Land“, von der Comédie Française mit nachvollziehbarer Begründung abgesetzt. Unverzeihlich aber ist, dass die Jury eines nach Heine benannten Preises, der für Beiträge zum „sozialen und politischen Fortschritt“ verliehen wird, Handkes Bücher und Schriften zu den Kriegen in Ex-Jugoslawien nicht gelesen hat: Zum Beispiel seine pauschale Diffamierung, nein: Beschimpfung des Tribunals in Den Haag, das, ein Muster an Sorgfalt, nicht nur serbische, sondern auch bosnische und kroatische Täter verurteilt hat, wie Handke widerwillig eingesteht.

Seine Forderung, nicht ein von der Uno eingesetztes, internationales Tribunal, sondern nur ein jugoslawisches Gericht könne über Milosevic’ Schuld oder Unschuld befinden, ist doppelt absurd, wenn man bedenkt, dass Handke Jura studiert hat, und wenn man diese Aussage auf das alliierte Tribunal in Nürnberg oder auf den Eichmann-Prozess in Jerusalem überträgt.

Nach der Aberkennung des Heine-Preises ruderte Peter Handke ein Stück weit zurück. Die nachträgliche Beteuerung, er habe weder das Massaker von Srebrenica relativiert noch mit Milosevic sympathisiert, wird durch den Wortlaut seiner Stellungnahmen und Interviews widerlegt, und Handkes Satz, die Serben hätten mehr gelitten als die Juden im Zweiten Weltkrieg, war ein Freud’scher Versprecher, der tief blicken lässt. Darüber hinaus enthielt seine halbherzige Selbstkritik in der „Süddeutschen Zeitung“ einen Pferdefuß, den wohl wollende Leser übersahen: Die en passant aufgestellte Behauptung, Europa habe den Balkankrieg angezettelt, war genauso ungeheuerlich wie die abenteuerliche Unterstellung, in Sarajewo getötete Journalisten seien nicht serbischen Scharfschützen, sondern den Verteidigern der Stadt zum Opfer gefallen – Propagandalügen, mit denen Peter Handke zeigt, wes Geistes Kind er ist.

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