Kultur : Der unmittelbare Blick

Gegen das Getöse: Die Berliner Brotfabrik zeigt zwei Filme Theo van Goghs

jan Schulz-Ojala

Sogar im Internet, dem ach so freiesten Medium der Welt, steht die Zählmaschine still, seit dem 3. Dezember. Insgesamt 279828 Menschen haben dort die elf Minuten „Submission“ gesehen, Theo van Goghs visuell sanft-poetischen, textlich äußerst expliziten Essay-Film über die Unterdrückung, Geißelung, Vergewaltigung einer islamischen Frau. Doch genau einen Monat und einen Tag nach der Ermordung des Filmemachers in Amsterdam hat seine Firma Column Producties das Werk von der „ifilm“-Website zurückgezogen – gegen alle Einwände, gerade dieser Film müsse überall frei zugänglich sein.

Bis heute ist es nicht einfach, sich ein unmittelbares Bild zu machen von dem, was den Regisseur und Schauspieler, Kolumnisten und Pamphletisten Theo van Gogh tatsächlich ausmachte – bevor der 47-Jährige den Kugeln und Messerstichen des fanatisierten Mohamed B. zum Opfer fiel. Die Berliner Volksbühne machte unlängst einen Versuch, stellte aber vor lauter Diskutierfreude die Vorführung angekündigter Filmausschnitte hintan. Wie gut, dass nun die Brotfabrik, erstmals in Deutschland, gleich zwei Filme des umstrittenen Niederländers in voller Länge zeigt: „Interview“ von 2003 und „Cool!“ aus diesem Jahr.

Erster Befund: Der cineastische Autodidakt Theo van Gogh verstand sein Metier. Drehbuch, Dramaturgie, Schauspielerführung, Kamera, Schnitt – die zweimal anderthalb Stunden Kino vergehen wie im Fluge. Der Mann war also nicht bloß der Troubleshooter, der etwa in der Gratiszeitung „Metro“ oder vom Talkshow-Sessel aus Araber, Juden, Bürgermeister und Minister bis zur Weißglut beleidigte. Sondern ein Künstler: einer, in dessen rund zwei Dutzend Filme umfassendem Werk neben Zynismus, Rauheit und Gewalt auch Wärme möglich war.

Zweiter Befund: Der Mann, den manche gern als rechtsgerichteten Phrasendrescher abtun, seit sein Tod eine Gewaltwelle gegen islamische Kirchen und Schulen auslöste, war ein Anarchist. Ein Linker also. Wenn er sich auf jemandes Seite stellte, dann auf die der Machtlosen – und das radikal.

In „Interview“ funktioniert das erst noch spielerisch, als Zimmerschlacht. Ein zum Star-Interview abkommandierter Politikredakteur besucht einen Vorabendserienstar, um ihm ein boulevardesk ausschlachtbares Geheimnis zu entlocken. Katja Schuurman, im echten Leben Protagonistin des holländischen „Gute-Zeiten-schlechte-Zeiten“-Pendants, spielt die kaputte Hübsche, die dem zynischen Journalisten näher kommt. Der Kampf um die Wahrheit mit wechselseitigen Lebensbeichten ist trickreich, zeitweise nervenzerfetzend – und am Ende obsiegt derjenige, der nicht den kältesten, eiligsten, betrügerischsten Nutzen aus der Begegnung zu ziehen sucht.

„Cool!“ führt unmittelbarer in jenes gesellschaftliche Minenfeld, das dem Regisseur zum Verhängnis geworden ist. Eine arabisch-karibische Jugendgang, angeführt von einem weißniederländisch-kaltblütigen Milchgesicht, überfällt Juwelierläden und Banken – und soll, mit mäßigem Erfolg, in einer taffen Reformschule umerzogen werden. Ein Hauch von „Clockwork Orange“ umweht diesen vor allem mit Laien gedrehten filmischen Gangsta-Rap, und auch Katja Schuurman ist als Jungkriminellenliebchen mit von der Partie. Nur liegen die Sympathien des Regisseurs und Drehbuchautors nicht etwa bei den Umerziehern oder den Zivilbullen, die den Gang-Mitgliedern das Handwerk legen wollen, sondern bei diesen selbst. Allerdings nur, sofern sie in der Binnenhierarchie ihrer Mini-Mafia selbst klein gehalten bleiben – und sich obendrein noch schüchtern zu verlieben in der Lage sind.

Beide Filme liefen im niederländischen Kino. Nur wenige haben sie gesehen. Sie sind ein Plädoyer gegen das Getöse, das sich heute mit dem Namen Theo van Gogh verbindet. Jenes, an dem er selbst so viel Gefallen fand. Und jenes, das – hier wie dort – seine Gegner nutzen, um von seinem Tod zu profitieren.

Noch einmal heute in der Brotfabrik, Prenzlauer Promenade 3, 20.15 Uhr und 22Uhr. Telefon 471 40 01.

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