Kultur : Der unsichtbare Dritte

Kai Müller

William Claxton war gerade neunzehn, als er Charlie Parker begegnete. Der war für ein Konzert in Claxtons Heimatstadt Pasadena gekommen - und so lud der Jazzfan sein Idol zu sich nach Hause ein. Parker bekam Spiegeleier und wurde von Teenagern aus der weißen kalifornischen Mittelschicht umlagert, die vermutlich nicht die leiseste Ahnung davon hatten, was "Bird", der Skalen-Gott und Drogenjunkie, täglich ertragen musste. Trotzdem lächelt er so selig in die Kamera seines jugendlichen Gastgebers, dass die scheue Großherzigkeit sichtbar wird, mit der dieser Bebop-Solitär sich an seine Musik verschwendete. Schon damals, 1951, lange bevor der Name William Claxton Bestandteil der Jazzgeschichte wurde, zeigte sich dessen besonderes Talent: Menschen einfach schön aussehen zu lassen.

Claxtons Fotografien sind ins visuelle Gedächtnis der amerikanischen Kultur eingegangen. Aber nicht nur, weil er ein Künstler klassischen Zuschnitts ist und seine Bilder von emotionaler Tiefe und betörender Schlichtheit sind. Seine Karriere ging mit dem Aufstieg des Cool Jazz einher, jener unterkühlten, sublimen Gegenbewegung zum expressiven Bebop, die sich zunächst an der amerikanischen Westküste durchsetzte. Ihr gaben Claxtons strenge, kalkulierte Bilder, die er in Nachtclubs, für Plattencover und Magazine aufnahm, ein unverkennbares Gesicht. Am meisten wohl werden seine Porträts des jungen Chet Baker unsere Vorstellung von einer selbstversunkenen, zarten Musik geprägt haben, die etwas von der salzigen Schwerelosigkeit des pazifischen Ozeans in sich trägt.

In Julian Benedikts "Jazz seen" tritt uns ein Gentleman entgegen. Weißes Haar und ein britischer Offiziers-Schnauzer machen ihn zu einer anachronistischen Erscheinung, die ihre bildungsbürgerliche Eleganz selbst in Jeans nicht verliert. Noch heute lichtet der agile Starfotograf die Größen der Szene ab, wobei sich der Aufwand im Vergleich zu früher erheblich vergrößert hat. Anfang der fünfziger Jahre, als Claxton noch mit einem schmucken Jaguar-Coupé durch Los Angeles fuhr, genügten ein paar Worte in der Musiker-Garderobe, um sich über ein Cover-Bild zu verständigen. Gerade die Spontaneität, mit der Claxton vorzugehen, sich ganz auf eine Situation einzulassen pflegte, machte ihn in den Augen der Jazzmusiker zu einem Seelenverwandten. Er improvisierte ständig, wobei seine Anwesenheit bald so selbstverständlich war, dass er selbst aus seinen Bildern verschwand.

Berühmt ist auch seine Aufnahme von Art Pepper geworden, die auf der steil ansteigenden Fargo Street entstand, wo in den frühen Zwanziger Jahren eine Menge Gangsterfilme gedreht wurden. Pepper war am Vortag aus dem Gefängnis entlassen worden, Jackett und Hose sehen etwas zu groß und unbenutzt aus. Außerdem, berichtet Claxton, habe er sich krank gefühlt, da seine connection nicht gekommen sei, um ihm die "Medizin" vorbei zu bringen. Schließlich ließ Claxton ihn den Berghang hinaufgehen - ein Bild, das die Mühen des Musikers symbolisiert, am Leben zu bleiben.

Heute sind Claxtons lucky shots längst Ikonen. Und es wäre eine große Herausforderung gewesen, sie neu lesbar zu machen. Stattdessen stellt der Dokumentarfilmer Benedikt Schlüsselszenen von Claxtons Lebensweg nach, baut Ausschnitte aus historischen Jazzkonzerten ein, filmt den Fotografen bei der Begegnung mit Kollegen wie Helmut Newton oder Jim Rakete. Auch Musiker und Hollywood-Schauspieler wie Dennis Hopper kommen zu Wort. Aber es sind entbehrliche Kommentare über einen Mann, der sich auf einer Jagd nach dem einen, unwiederholbaren Augenblick befindet. Und es am meisten mochte, wenn Musiker nur schweigend dasaßen und zuhörten.

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