Kultur : Der unsichtbare Dritte

Spur des Terrors: Die Taliban haben Afghanistans Kunstschätze zerstört. Nun soll den antiken Buddhas neues Leben eingehaucht werden

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Von Elke Windisch

Tagsüber schläft er. Erst gegen Mitternacht, wenn nichts und niemand ihn stört, kann er sich in das Werk vertiefen, an dem er schon des öfteren fast verzweifelt wäre: Amanullah Hayderzad soll den Buddhas von Bamyan neues Leben einhauchen. Im März kehrte der Bildhauer aus dem New Yorker Exil in seine Heimatstadt Kabul zurück. An genau jenem Tag, an dem ein Jahr zuvor die Taliban die beiden, vor über 1600 Jahren in den Fels des Hindukusch gehauenen Statuen mit Dynamit in Steinstaub verwandelt hatten. Über und über ist Hayderzads kleiner Schreibtisch im heruntergekommenen „Interconti“ im zerstörten Kabul noch immer die beste Adresse – mit Zeichnungen und Entwürfen bedeckt. Zunächst soll der große Buddha – einst 58 Meter hoch – als Zementform gegossen werden, die Hayderzad dann mit Steinen aus den noch intakten Brüchen ummanteln will, aus denen schon das Urmaterial stammte. Mindestens vier bis fünf Jahre brauche er dafür, meint er. Und mindestens fünf Millionen Dollar, die buddhistische Länder, allen voran Japan, spenden wollen.

Westliche Experten jonglieren mit fünffach höheren Summen. Und haben zu Hayderzads Plänen ohnehin ein gespaltenes Verhältnis: Es wäre besser, die Nischen blieben leer. Als Mahnmal für die Untaten der Taliban, meint die niederländische Expertin für afghanische Kulturgüter, Juliette van Krieken. Zumal Forscher wie Zafar Paiman, ein afghanischer Archäologe, der für das französische Centre National de la Recherche Scientifique arbeitet, inzwischen davon ausgehen, dass ein dritter Buddha den Bildersturm überlebt haben könnte. Ein schlafender, der bei einem Erdbeben verschüttet wurde und größer als seine zerschossenen Brüder sein könnte. Anwohner können sogar mit präzisen Beschreibungen dienen. „Sein Rücken zeigt zum Gebirge, das Gesicht zur Stadt und die Füße zum kleineren Buddha.“ Hosseyin Mirza, der behauptet, er gehöre zu den Bauern, die von den Taliban gezwungen wurden, Sprengstoff zu legen, will es so von seinem Großvater gehört haben, und der wiederum hat die Story von seinen Ahnen.

Ob das stimmt, können nur neue Grabungen zeigen. Doch daran, fürchtet Kultusminister Mahtoum Raheen, ist in absehbarer Zeit nicht zu denken. Fortdauernde Instabilität und immer neue Kämpfe der Warlords schrecken nicht nur potenzielle Investoren, sondern auch Archäologen ab. Die afghanische Interimsregierung aber ist zum einen knapp bei Kasse. Und die wenigen einheimischen Experten, die bisher zurückgekehrt sind, haben momentan vollauf zu tun mit der vielleicht größten Schadensaufnahme in der Kulturgeschichte der Menschheit.

Schon die Mudschaheddinführer scherten sich Anfang der Neunziger wenig darum, dass Afghanistan ein einziges Freiluftmuseum ist. Die Taliban setzten das Zerstörungswerk nur fort. Allerdings mit gnadenloser Konsequenz, der die zivilisierte Menschheit so lange tatenlos zusah, bis sie am 11. September selbst zutiefst verwundet wurde.

Ihre n klingen wie Zauberformeln: Vasischka, Huvischka und Kanischka, der Ahnherr der Kuschan, die zu Beginn unserer Zeitrechnung von Afghanistan aus ein Reich begründeten, das von der Kaspi-See im Westen bis nach Indien im Südosten reichte. Die überlebensgroße Statue des Herrschers, eines der wenigen erhalten gebliebenen Zeugnisse der bisher kaum erforschten Kuschan-Zeit, gehörte einst zu den Prunkstücken des Kabuler Nationalmuseums. Gleichsam als Wächter stand Kanischka in der Nische links vom Eingang. Jetzt hängt dort ein Schwarzweißfoto miesester Qualität und alles, was von dem König übrig geblieben ist, findet bequem in einer Holzkiste Platz. Ihn packe jedes Mal die Wut, wenn er den Deckel öffne, sagt Doktor Maiwan, einer der sechs wissenschaftlichen Mitarbeiter des Hauses. Behutsam wie einen neugeborenen Säugling nimmt er einen Gesteinsbrocken in die Hand – ein Stück vom Gewand der Statue, kaum größer als eine Männerfaust.

Die Taliban kümmerte nicht, dass vorislamische Kunstwerke durch den Koran ausdrücklich geschützt sind. Gleich nach den Buddhas in Bamyan knöpften sie sich die Skulpturensammlung im Nationalmuseum vor, das am 22. März 2001 für zwei Stunden aufgesperrt wurde, um den wenigen, damals in Kabul präsenten Journalisten das Ergebnis des Bildersturms vorzuführen: Meterhoch türmte sich der Steinschutt zertrümmerter „Götzen“, verschwunden die weltberühmten Elfenbeinschnitzereien, die eine französische Expedition 1937 in Bagram ausgrub, leer die Glasvitrinen mit Kleinkunst aus über vier Jahrtausenden und die halbgeöffneten Schubladen im Münzkabinett. Einst bargen sie über 30 000 Einzelstücke. Darunter auch die 1992 von französischen Archäologen bei Mir Zakah in der Nähe der südostafghanischen Stadt Gardez ausgegrabenen Funde aus dem vierten Jahrhundert v. Chr. Teile davon hatte der französische Altertumsforscher Osmund Bopearachchi 1994 auf dem Basar im pakistanischen Peschawar kurz sehen dürfen: Von sechs Säcken, von denen jeder mindestens 50 Kilo wog, berichtet der Forscher im Newsletter des Asien-Instituts der Universität Leiden. Vermisst wird auch der noch wertvollere Schatz von Tschaman-e-Hazuri bei Kabul, der 1933 bei Bauarbeiten eher zufällig entdeckt wurde. Neben den wahrscheinlich ältesten Münzen Südasiens umfasste er zahlreiche Gold- und Silbergegenstände, manche über ein Kilo schwer: Schiffe, ein Seepferdchen, Sakralgegenstände der Zarathustra-Priester und ein behelmter Hermes.

Noch schlimmer steht es auf dem Lande, wo Plünderer sich über Grabungen hermachten, die wegen der Sowjet-Invasion 1979 nicht zu Ende geführt werden konnten. Ausgeraubt und weit gehend zerstört ist die buddhistische Anlage Tepe Shotor aus dem 2. Jahrhundert. Bei Hadda in der Nähe von Jalalabad legten afghanische Archäologen zwischen 1974 und 1979 mehrere Stupas mit wundervollen Steinschnitzereien frei. Raubgräber vermuteten im Inneren offenbar Gold und zerschlugen sie. Als unrettbar verloren gilt auch das antike Ai Chanum. Auf dem sechzig Meter hohen Hügel, an der Grenze zum heutigen Tadschikistan, hatten die Seleukiden eine Festung errichtet, die der Schlüssel zu ganz Baktrien, heute Nordafghanistan, war. Noch 1986 traute sich der Moskauer Dokumentarfilmer Wladimir Karin nicht, seinen Fuß auf Reste des roten Marmorfußbodens im Bad zu setzen, in den Delphine und Seeungeheuer eingelegt waren. Teile tauchten schon 1994 in Pakistan auf. Und im August letzten Jahres verlief die Front zwischen Nordallianz und Taliban über den Hügel. Den Rest besorgten Goldsucher im letzten Winter, bewaffnet mit Metalldetektoren, die eigentlich zur Minensuche bestimmt sind. „Ai Chanum ist nicht mehr, Ai Chanum ist eine Mondlandschaft“, sagt Maruf Ahmad, Korrespondent des Kabuler Staatsfernsehens, der im Mai dort war.

Geplündert ist auch das letzte Grab von Tillya-Tepe bei Schiberghan. Aus den ersten sechs Gräbern bargen sowjetische Archäologen 1978 einen Schatz, der aus Sicherheitsgründen nie ausgestellt wurde: Das baktrische Gold – über 20 000 Einzelstücke, entstanden um die Zeitenwende und in Fachkreisen mit dem Gold Tut-ench-Amuns verglichen. Ein Fund, der Aufschluss über die frühe Kuschan-Zeit geben könnte. Wenn er nicht ebenfalls verschwunden wäre. Unesco-Experten vermuten die Kisten in den verschütteten Kellern des Präsidentenpalais. Verschlossen mit „neun Schlüsseln im Besitz von neun Männern, die sie nur gemeinsam öffnen können“, wie Ausgräber Viktor Sarianidi inzwischen von afghanischen Kollegen gehört hat. Das, meint der Vierundsiebzigjährige, sei angesichts der fortdauernden Instabilität vielleicht die einzige Garantie, dass spätere Generationen sich an dem Schatz erfreuen können. Seinen Kummer darüber betäubt er seit Jahren mit Ausgrabungen in Turkmenien. Und hofft sehnlichst, dort kein Gold zu finden. „Unglücklich der Archäologe, der Gold findet“, so der alte Mann. „Gold weckt stets nur ungesunde Begierden. Vor allem dort, wo es unter der weißen Sonne der Wüste besonders hell glänzt.“

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