Kultur : Der unsichtbare Elefant

Was ist eigentlich Angst? Eine Tagung des Potsdamer Einstein-Forums untersucht ein Grundgefühl

Caroline Fetscher

Zur frühen Angstgeschichte einer Freundin gehört als Szenario der Schwarzwald. 1962, in einem bitterkalten Winter mitten im Wirtschaftswunder, hatten sich die Eltern nach Italiens Sonne gesehnt. Für ihre drei ahnungslosen Kleinkinder indes waren Ferien im Heim vorgesehen. So zog die Familie los, im Opel Kadett durch Süddeutschlands verschneite Landschaft. Wenig später erreichten sie ein Häuschen im Schwarzwald, und lieferten den Nachwuchs ab. Auf der Rückreise, als Weihnachten und Neujahr vorüber waren, sammelten die Eltern sie wieder ein. Kein Verwandter, kein Nachbar konnte wissen, was geschehen war. Doch den Eltern war klamm geworden beim Wiedersehen mit den tief verstörten Kinderchen. Sie witterten Schaden an ihrem Ansehen, es regte sich ein Rest an Gewissen. Wollten nun die Kleinen über die groben Fremden im schwarzen Wald klagen, brach ein Donnerwetter aus: „Nie warst du in einem Heim! Sei still, verrücktes Kind, sonst....!“

Angst kroch den Kindern in die Knochen und ätzte das Ereignis aus dem Gedächtnis. Vorsorglich vernichteten die Eltern Fotografien des Schwarzwaldheims. Dieser Episode ihres Lebens verdankten die Geschwister eine Erfahrung, die Hänsel und Gretel zu mehr machte als einem Märchen und das „Fürchte dich nicht“ der Weihnachtsbotschaft zu Hohn. Emblematisch enthält diese Erinnerung einer Erwachsenen alle Elemente der Emotion Angst: Kälte und Dunkelheit, existenzielle Ausgesetztheit, Isolation, Ungeborgenheit, Strafandrohung, Sprachverbot, Abwehr, Missachtung, Flucht, Zensur, Vertuschen, Leugnen – und schließlich das Verdrängen als latent arbeitender Stoff für Neurose oder Mythos.

„Ein Elefant ist im Zimmer, aber alle behaupten, es gebe ihn nicht“ : Mit dieser Metapher beschreibt der Soziologe Eviatar Zerubavel von der amerikanischen Rutgers University die Grundstruktur angstgenerierender Situationen. Sein Beitrag bildete den erhellenden Abschluss einer Tagung des Potsdamer Einstein-Forums, wo sich am Wochenende ein gutes Dutzend Angstexperten trafen, um den „Konturen und Konjunkturen eines Gefühls“ nachzuspüren. Zerubavel, dessen Studie („The Elephant in the Room“, Oxford University Press 2006) ein Freud’sches Paradigma vom intrapsychischen in den sozialen, den interpsychischen Raum transponiert, spricht bei diesem Vorgang von „co-denial“, von kollektiven Prozessen des Leugnens, wie eine soziale Ordnung sie stillschweigend vereinbart, während sie den Realitätsbezug aller Beteiligten angreifen und zum Oszillieren bringen. „Schweigen produziert Angst, Angst ihrerseits Schweigen“, lautet Zerubavels Formel. Angst, das machte die sehr heterogene Tagung deutlich, deren Thematik von Jan Assmanns Analysen des alten Ägypten bis – wieder und wieder – zur Paranoia nach dem elften September mäanderte, ist die Essenz zum Erhalt von Macht und Autorität, und impliziert vor allem anderen das gezielte Verbot des Aussprechens bestimmter Gedanken, Beobachtungen, Fragen.

Magisch gebannt werden sollten zum Beispiel im Ägypten der Pharaonen „alle schlechten Worte, alle schlechte Rede“, sogar die „schlechten Träume“, wie die Hieroglyphen eines Ritualhandbuchs besagen, dessen Sprüche gegen die Feinde „alle lebenden Münder versiegeln“ sollen. Dass das so einfach nicht ist, gereicht dem Herrscher oder Tyrannen zur permanenten Angst vor Kontrollverlust. Der Epochensprung von den Pyramiden zum Totalitarismus Stalins, den die Viadrina-Professorin Christa Ebert in ihren Betrachtungen zu Ossip Mandelstam unternahm, schien in diesem Kontext gar nicht so weit. Wider das verbotene Wort rebellierte der Dichter mit Strophen, die er zuzeiten nicht einmal aufs Papier brachte, deren Verbreitung sich statt auf Leser auf Auswendiglerner verlassen musste. Am Leben erhalten, so Ebert, habe Schriftsteller wie Mandelstam oder Anna Achmatova die Aussicht, dass ihre Worte, ihre Werke den Winter des Stalinismus überdauern würden und man sie eines Tages frei werde drucken dürfen. Ehe der Tag kam, den Mandelstam nicht mehr erlebte, entstand 1937 seine versteckt kritische „Ode an Stalin“, ein zynischer Staatsauftrag an den von Hinrichtung Bedrohten. Erzwungene Rede und Zensur: Zwei Seiten derselbenMünze.

Die Angst aber ist ein weites Feld. Sie kennt objektive und subjektive Facetten, konkrete Furcht vor einem Unwetter oder Examen, Phobien, ausgelöst durch Katzen, Spinnen oder Plätze, akute Panik, latente Paranoia, viele Spielarten der Hysterie, Ängste vor Terror, vor Krankheit oder die Angstlust der Jahrmarktsbesucher auf der Achterbahn.

Dass am Ursprung und Ausmaß der Angst, am Umgehen mit ihr, an ihrer Bewältigung die Frage der Autorität stets mitarbeitet, leuchtet uns heute ein. Wir verstehen, dass die primäre Matrix für Autorität, die Basis für das Verhältnis des Individuums zu sich und zur Welt, in der Kindheit angelegt wird, die das Interesse des Forschungsreisenden Freud weckte. Ohne einen, wenn auch noch so marginalen, Rekurs auf seine Erkenntnisse kamen die meisten der Historiker, Soziologen, Literaturwissenschaftler in Potsdam nicht aus. Was die ersten Agenten der Sozialisation bieten und darstellen, wie sie mit Hierarchien, Macht und Ohnmacht verfahren, prägt in einer lebenslangen Wechselwirkung das Private wie das Gesellschaftliche, und seit Freud wird in aller Welt über psychoanalytische Ursachen und Formen der Angst nachgedacht.

Neue Ansätze, vor allem in der Traumaforschung, sind zahlreich und vielschichtig, wovon in Potsdam kaum etwas zu entdecken war. Eine der Ausnahmen war die Zürcher Philologin Elisabeth Bronfen, die sich den Ängsten der Nächte widmete, und in der künstlichen Nacht des Kinos nach dem Horrorbrodeln der Fantasie fahndete, die dort – wie bei „Peeping Tom“, einem Klassiker der bebilderten Traumaverarbeitung – ihr prekäres Rendezvous mit dem Schauer des Kriminellen und der Todesangst sucht. Von den Pharaonen zu den Tyrannen der Moderne mag ein Pfad zu schlagen sein durch das Dickicht der Angst, wo aber die Mythengeneratoren der Voraufklärung, die in Erdbeben, Dürren, Kälteeinbrüchen oder Gewittern „das Donnerwetter“ einer Autorität hineinlasen, eines Gottes (eines mythosgewordenen Vaters oder einer Mutter, würde die Psychoanalyse sagen), wird es schwerer, in Zeitgeschichte und Gegenwart Pendants zu orten.

Trotzdem fand man in Potsdam so eines, um „eine Konjunktur der Angst“ zu illustrieren, die sich zwar empirisch kaum belegen lässt, wie Rüdiger Zill vom Einstein Forum einräumte. Unser erschreckendes Gewitter in der Gegenwart, unser Vulkan, heißt: Terrorismus. Terrorisieren bedeutet wörtlich das Herstellen von Angst, und um nichts anderes geht es den gewalttätigen Glaubensfundamentalisten. Daraus schöpfen wir Verschwörungstheorien und konstruieren Sicherheitswahn, was Corey Robin vom Brooklyn College und Eva Horn aus Basel inspirierte.

Robin, dessen Vortrag eine kanadische Kollegin las, da er absagen musste, grub sich zu Thomas Hobbes durch, um Washingtons Sicherheitsdoktrin und die Kriege nach Nine Eleven als getarnte Machtwillkür des Souveräns zu entlarven. Horn surfte oberflächlich durch das Netz der wilden Theorien zum Anschlag auf das World Trade Center wie der inoffiziellen wie offiziellen Paranoia, die auf den Anschlag folgten. Sogar Jan Assmann schlug den Bogen von Altägyptens Ängsten zum „Hochstilisieren“ des Terroranschlags zur Kriegsgefahr und zum Abdruck von Mohammed-Karikaturen, was das „Kränkungsbewusstsein“ der Militanten schüre, und „eine gezielte Provokation von neokonservativer Seite“ war – als habe ein dänisches Käseblatt sich dabei mit dem Pentagon verbündet.

Die Anxt im Haus erspart den Zimmermann: Gegenstand aktueller Angst waren erstaunlicherweise eher die tückischen Demagogen in Amerika als der initiale Terror aus heiterem Himmel, der Tausende Tote hinterließ und einen Krater in New York. Soll Angstforschung den wissenschaftlichen und persönlichen Mut bedeuten, an den Grenzen der Sprache vom Mythos zum Logos zu gelangen, zur Loslösung von Traumata und Irrationalität, muss mehr passieren, als das Konstruieren gemütlicher Mythen, selbst wenn gemeinsames Erschaudern angesichts einer Bedrohung, auf die man sich geeinigt hat, Angst in Empörungsgenuss verwandeln kann.

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