Kultur : Der Untergänger

Wettbewerb (1): Alexander Sokurows „Solnze“ über Kaiser Hirohito

Christiane Peitz

Der Tenno weiß nicht, wie man eine Tür öffnet. Wie sollte er auch: Als japanischer Kaiser hat er den Status eines Gottes, und ein Gott hat Diener, die ihm katzbuckelnd jeden irdischen Weg bereiten. Aber nun ist der Kaiser bei General McArthur, der von Japan die Kapitulation erwartet und sein Gegenüber wie ein gewöhnliches Staatsoberhaupt behandelt. Also steht der Tenno an der Tür und inspiziert die Klinke. Eine Initiation, eine Menschwerdung, ein Slapstick.

Tokio, 1945. Der Krieg ist verloren, der Kaiser lebt im Bunker. Der Untergang, japanisch. Oder besser: Sokurowisch. Alexander Sokurow, der russische Enigmatiker und Elegiker, hat das Kino einmal mehr in graubraune Düsternis getaucht. Die einzigen Lichtflecke in „Solnze – The Sun“ sind zunächst die weißen Handschuhe der Dienerschaft. In die Rätselbilder mit weggefilterter Wirklichkeit und gedämpftem Ton wehen von unendlich weit her Alarmsirenengesänge, Wagnermusikfetzen und Bachcellosoli, der Stift des kaiserlichen Schreibers kratzt auf dem Papier. Wieder entführt Sokurow den Zuschauer in Traum- und Trancesequenzen vom Hades der Macht – und wer mitträumt, begreift in aller Stille weit mehr von deren Mechanismen als in Eichingers lärmendem „Untergang“. Hiroshima ist ein Unterwasser-Inferno: Meeresungetier gleitet durch die brennende Ruinenstadt.

Fünf Dikatoren-Filme plant Sokurow, dies ist der dritte . Im Hitler-Projekt „Moloch“ betrieb er die Entwirklichung des Großen Diktators, im Lenin-Experiment „Taurus“ inszenierte er den Größenwahn, in „Solnze“ beobachtet er eine Menschwerdung. Dass der reale Kaiser Hirohito ein Kriegsverbrecher und keineswegs nur eine Marionette seiner Generäle war, dass er, anders als im Film behauptet, sehr wohl den Befehl zu Pearl Harbour gab, erzählt er nicht. Warum auch: Sokurow illustriert nicht, er erfindet. Wunsch- denkräume, Chimären-Herrscher. Ein kindlicher Kaiser, der abdankt, der Nein sagt zum Untergang und staunen lernt: über das eigene menschliche Maß.

Sokurow studiert den Körper des Kaisers, die kleine Gestalt, die Tränenflüssigkeit, die Schweißperlen. Auch der Kaiser ist Hobby-Biologe. Er inspiziert einen Einsiedlerkrebs. Er entdeckt, dass sein Atem schlecht riecht. Er bewegt den Mund wie ein Fisch, sucht nach Lauten, nach Worten, schlackert mit den Lippen. Er posiert vor den Kameras der US-Soldaten, riecht am Rosenbusch, zieht den Hut. Die Soldaten nennen ihn Charlie, wie Chaplin. Es macht ihm Spaß.

„Solnze“ ist der erste Sokurow-Film mit Humor. Sein Rembrandtsches Chiaroscuro, das mystische Raunen, die Befremdung ob der Unbegreiflichkeit von Tyrannen hat er diesmal mit hauchzarter Heiterkeit grundiert. Ist ja auch eine komische Vorstellung: dass ein Machthaber von der Macht desertiert und der Weltkrieg mit einem Lächeln endet.

Heute, 9.30 und 15 Uhr (Urania); 22.30 (International); Sonntag, 21 Uhr (Urania)

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