Kultur : "Der Untergrund von Paris": Wo die Hure den Bischof trifft

Peter Hölzle

Paris ist nicht auf Sand, sondern, schlimmer noch, auf Luft gebaut. Kalksteinbrüche und Gipsabbaustätten des unterirdischen Paris lieferten über Jahrhunderte das Baumaterial für Pracht und Prunk der oberirdischen Metropole. Was oben verbaut wurde, hinterließ unten Löcher. Die sorgen bis heute für unliebsame Überraschungen. Immer mal wieder sacken Straßen ab, zeigen Häuser plötzlich Risse und wird schon mal ein Pariser vom Erdboden verschluckt. Solche Vorfälle stehen in keinem Reiseführer, wohl aber in einem Buch, das man einen Führer durch die Geschichte des unterirdischen Paris nennen kann.

Der deutsche Journalist Günter Liehr und der französiche Fhotograf Olivier Faÿ haben einen Teil des Pariser Souterrains ausgeleuchtet und dabei auch für Pariskenner Überraschendes zu Tage gefördert: Die Stadt hat viele Leichen im Keller. Als gegen Ende des 18. Jahrhunderts dem damals schon eleganten Paris der Leichengeruch, der von den zahllosen inner städtischen Friedhöfen ausging, unerträglich wurde, ließ die Regierung die Gottesäcker auflösen. Nacht für Nacht wurden in feierlicher Prozesssion Tote umgebettet. Am neuen Bestimmungsort, einem Teil der stillgelegten unterirdischen Steinbrüche, war dann freilich Schluss mit der Pietät. Durch einen Schacht wurden die Skelette in die Tiefe gekippt. Unten stapelten Katakombenarbeiter nach Gusto die sterblichen Überreste. Das Schambein einer Hure konnte durchaus neben dem Schädel eines Bischofs liegen. Anonyme Bestattung - heute wieder en vogue.

Kanäle im Fäkalsumpf

Der Untergrund der Seine-Metropole beherbergt freilich nicht nur das größte Beinhaus unseres Planeten. Auch auf die größte Kloake des alten Kontinents kann Paris Anspruch erheben. Der unermüdliche Baron Haussmann, der schon die "Oberstadt" imperial durchstylte, schaffte auch in der "Unterstadt" Ordnung. In den Fäkalsumpf ließ er, lange bevor man in Berlin an derlei dachte, Kanäle legen - wie mit dem Lineal gezogen und üppig illuminiert. Sensationslüsterne Pariser hatten von nun an die Qual der Wahl, am Sonntag mit Kind und Kegel zum Gruseln in die Totenschädelalleen der Katakomben oder mit dem Bateau-mouche nicht auf, sondern unter der Seine auf Abwasser-Erkundungsfahrt zu gehen. Beides - den Grusel- wie den Kloakentourismus - gibt es bis heute, doch ist der Zulauf lange nicht mehr so groß wie um die Jahrhundertwende. In ist inzwischen eine andere Unterhaltungsform: der Einstieg in die verbotenen Teile des Untergrunds. An die 15 000 Höhlenfans - sogenannte Kataphile - schleichen sich jährlich auf abenteuerlichen Wegen in die Eingeweide der Hauptstadt ein - unter ihnen Hobbyhistoriker, Höhlenmaler und Ruhesucher, aber auch Studenten und Snobs, die den schalldichten Weltstadtsouterrain als Partykeller oder Abenteuerspielplatz nutzen. Freilich überholt die Phantasie der oberirdischen Öffentlichkeit oft bei weitem, was sich unterirdisch abspielt. Von Sexorgien und schwarzen Messen wurde gemunkelt, aber eben nur gemunkelt. Es gehört zu den vielen Vorzügen des Buches, dass sein Autor, Günter Liehr, nicht nur witzig erzählt, was er über und im Untergrund recherchiert hat, sondern dass er das Recherchierte auch immer im Licht der Wahrheit betrachtet, die Olivier Faÿs farbige Fotodokumentation genauso erhellt wie das Bildmaterial aus Pariser Archiven.

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