Kultur : Der Untergrundkrieg

Höhle und Hölle: das Gesicht der Großstadt und die U-Bahn als Schauplatz des Schreckens

Christiane Peitz

Die Maske ist weiß. Die Frau hält sich ein Gazetuch vors Gesicht, für Augen, Mund und Nase sind Löcher freigestochen. Alle Zeitungen druckten gestern das Bild der von den Anschlägen verletzten Londonerin. Kein Blut, keine rauchenden Trümmer, sondern ein provisorisch verborgenes Antlitz. Das Foto als Inbild der Londoner Anschläge: In ihm verschränken sich Furcht, Traum und Schutzbedürfnis. Das versehrte Gesicht des Opfers fällt in eins mit der Fratze des Terrors: Man denkt an Halloween, den Ku-Klux-Klan oder antike Theatermasken.

Das Bildnis ist bezeichnend in seiner Anonymität: Auch die schrecklichen Geschehnisse in der Untergrundbahn bleiben unseren Augen verborgen. Anders als bei den einstürzenden New Yorker Zwillingstürmen vom 11. September ist die Weltöffentlichkeit nicht live dabei. Diesmal haben die Terroristen nicht auf die Symbolkraft des medialen Schreckens gesetzt. Und doch treffen die Bomben auf den öffentlichen Nahverkehr wie schon in Madrid im März 2004 ins Herz einer frei beweglichen, vernetzten Gesellschaft. Deshalb zeigen die Medien den Londoner U-Bahn-Plan, als sei die Karte mit den Knotenpunkten und gewundenen Linien der Schaltplan unserer Mobilität.

Und das Bild vom geborstenen Doppeldeckerbus brennt sich nicht nur deshalb ins Gedächtnis, weil jeder Tourist schon einmal von einem der oberen Plätze aus London besichtigt hat oder täglich in Berlin im Doppeldecker zur Arbeit fährt. Es geht uns auch nahe, weil die Blechhülle rund um die Sitzreihen weggesprengt, die schützende Haut abgerissen ist. Wer sich in Sicherheit wähnt, der irrt.

Die Londoner Underground ist 142 Jahre alt, die älteste U-Bahn der Welt. Mit ihren 274 Stationen und 408 Kilometer langen Strecken ist sie gleichzeitig Inbegriff des mobilen Zeitalters, der pulsierenden Metropole. Die Subway in New York, die Pariser und die Moskauer Metro, die Londoner tube: Man sieht sie nicht, aber sie sind allgegenwärtig. Es ist wie mit dem verborgenen Gesicht: Die Lebensadern im Bauch der Stadt, die Schienen und Schächte, die ratternden Waggons und kreischenden Räder – sie bieten Schutz und Schrecken, sind Höhle und Hölle, Ort der Geborgenheit und klaustrophobische Stätte der Panik. In den Weltkriegen war der gestrige Schauplatz des Terrors ein Zufluchtsort: Da ein Teil der Bahnschächte – anders als etwa in Berlin – besonders tief unter der Erde liegt, nutzten die Londoner sie als Luftschutzbunker. Kein Todesort, sondern eine Überlebenschance.

Ein Topos der Angstlust war die U-Bahn schon immer. Futuristen und Expressionisten beschworen ihre Maschinenästhetik, die finstere Faszination des Fortschritts. In Döblins „Berlin Alexanderplatz“ reißen sie den Damm für die Untergrundbahn auf, bei Yvan Goll flieht das gelbe Ungetier zu den lieblichen Quellen des Abends. In Heimito von Doderers Roman „Ein Mord, den jeder begeht“ von 1938 grollt es „im Gedärm der Stadt, Stürme ziehen vorüber, es dröhnt und trommelt, fast wie einst“. Doderers Romanheld fährt U-Bahn in Berlin, assoziiert die Schlachten des Krieges sowie den Styx, den unterirdischen Fluss des Todes. Seine atemlose Beschreibung einer Zugfahrt durch Schlünde und sich aufwölbenden Stahl, vorbei an „toten Lichtaugen“ und „kranken Erdensternen“, liest sich wie eine Drehbuchvorlage für all die Kinodramen und Actionfilme, die in U-Bahnen spielen: von Luc Bessons „Subway“ bis zu Christopher Smith’ „Creep“, in dem Franka Potente in der Londoner Underground von einem Killer verfolgt wird.

Und sie liest sich wie eine kollektive Angstfantasie der Moderne, die die Täter von London einmal mehr mobilisiert haben. Der imaginäre Schauplatz – längst ein Ort der realen Gewalt. In der britischen Hauptstadt war die U-Bahn bereits Bombenziel der IRA. Die Islamisten attackierten 1995 die Pariser Metro. Ein Giftgasangriff der Aum-Sekte traf im gleichen Jahr die U-Bahn in Tokio; Haruki Murakami nannte sein Buch dazu „Der Untergrundkrieg“.

Wie am 11. September schockiert erneut der Gedanke, dass es etwas gibt, was die Terroristen gemeinsam haben mit der westlichen Welt, die sie angreifen: Sie nutzen das gleiche Bildvokabular hegen die gleichen Albträume, wissen, wo die Urängste sitzen. So zielen sie auf die öffentlichen Verkehrsmittel, um den Blutkreislauf der Freiheit zum Kollaps zu zwingen. Und sie verunsichern zugleich unser Seelenleben, den Innenraum im Halbdunkel der Stadtkeller. Peter Handkes jüngstes, am Berliner Ensemble uraufgeführtes Stück „Untertagblues“ erzählt von einem Fahrgast als Möchtegern-Terroristen. Und in dem meisterlichen argentinischen Kinodrama „Moebius“ (1996) verschwindet ein U-Bahn-Waggon mit 30 Fahrgästen in den Tunneln von Buenos Aires. Eine Metapher auf den staatlichen Terror.

Wim Wenders lässt im „Himmel über Berlin“ die auf die Erde gefallenen Engel in der U-Bahn die unsichtbaren Gedanken der Fahrgäste lesen. Jeder ist für sich allein, gefangen im Unterbewusstsein. Wenn es schon kein Entkommen gibt aus der Unterwelt des Terrors, dann wenigstens den Trost des Mitempfindens.

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