Kultur : Der Unterwassergang

Kino und Schaulust: Warum Wolfgang Petersens „Poseidon“ und postmoderne Katastrophenfilme baden gehen

Jan Schulz-Ojala

Die Geschichte gehört zu den schönsten Legenden des Kinos. Antoine Lumière, der Erfinder des Kinematographen, zeigte im Salon Indien des Grand Café von Paris bewegte Bilder und versetzte damit das Publikum in nie gekanntes Erstaunen und Entzücken. Seine 50-Sekunden-Szene jedoch über einen in den Bahnhof von La Ciotat einfahrenden Zug rief Entsetzen hervor: Die einen schrien auf, die anderen fielen in Ohnmacht, andere wiederum zogen eine radikale Konsequenz – angesichts der rasend die Leinwand füllenden Lokomotive meinten sie, sich dem sicheren Tod nur durch Flucht aus dem Saal entziehen zu können.

111 Jahre später sind wir im Umgang mit dem Medium Kino leidlich ausgebuffter, und doch ist es auch heute oft die pure Schaulust, die uns ins Saaldunkel treibt. Der Mensch will gaffen, will dem ewigen Jahrmarkts-Lockruf namens „Hereinspaziert!“ folgen – und doch auch im Kino immer schön hinter der Absperrlinie bleiben, die das Leinwandgeschehen von der Wirklichkeit trennt. Als simpelstes Angebot zur Befriedigung dieses Impulses hat die globale Illusionsmaschine den Schaulustigenfilm geschaffen. In seiner reinsten Form artikuliert er sich im Katastrophenfilm: Ein schreckliches Unglück ist geschehen, viele Menschen kommen zu Tode, doch einige, die unser ganzes Mitgefühl mobilisieren, können sich retten. Und schon steht der Läuterung light nichts mehr im Wege.

Erkenntnis zählt nicht, (gefahrloses) Dabeisein ist alles: Fundamental erschüttert wurde dieses Wahrnehmungsmuster, das auch für Schaulustige an realen Schreckensorten gilt, erst am 11. September 2001. Ein Katastrophenbild, das wohl nicht einmal den fantasievollsten unter den cineastischen Genremalern eingefallen wäre, schiebt sich seither unverwischbar über den jahrzehntelang angehäuften Gedächtnisschatz aus Monumentalexplosionen, Sternenschlachtfesten, Leinwandtrash. Kein Wunder, dass das amerikanische Kino, das immer wieder kollektive Erfahrungen gewinnbringend verdaut, nun auch dieses Trauma ins Visier nimmt. Doch nicht jede Realität lässt sich durch Film bewältigen: Schon der Vorreiter „United 93“, der die menschengemachte Katastrophe dramaturgisch ins Korsett des Katastrophenfilms zwängt, zeigt unfreiwillig die Grenzen auf. Schaulust, so mechanisch aktiviert, funktioniert nicht mehr, wenn das Absperrband des Bewusstseins zerrissen ist. Dabeisein ist nicht alles, Dabeisein kann auch gar nichts sein.

Auch an diesem wirkungsästhetischen Prozess dürfte es liegen, dass Wolfgang Petersens „Poseidon“-Remake, abgesehen von den ihm innewohnenden Mängeln, in Amerika gefloppt ist. Wenn es denn, nach dem 11. September, ein Katastrophenfilm sein muss, dann wahrscheinlich allenfalls ein – irgendwie engagierter – Klimakatastrophenfilm. Roland Emmerich, dem man derlei kaum zugetraut hätte, koppelte vor zwei Jahren in „The Day After Tomorrow“ den klassischen Appell an die Schaulust geschickt an eine weltweit akklamationsfähige ökologische Botschaft. Petersen dagegen, der in „Das Boot“ (1980) und „Der Sturm“ (2000) bereits zweimal meisterhaft die grausame Verlorenheit des Menschen in den Tiefen und Weiten des Meeres inszenierte, hat sich diesmal grandios verhoben. Sein Big-Budget-„Poseidon“ ist nicht mehr als „Titanic“ für Ärmste.

Der Luxusliner SS Poseidon geht so dramatisch unter wie sein Vorgänger aus Ronald Neames „ Höllenfahrt der Poseidon“ (1972): Am Silvesterabend wird er von einer Riesenwelle erfasst, kentert über Backbord und treibt eine filmdramaturgisch notwendige Weile kieloben, bevor er in den Fluten versinkt. Anders jedoch als Neame hat Petersen es mit der Welle furchtbar eilig – und so bleibt ihm nur eine Kinostunde, um die gute Hälfte seiner zehn kleinen Negerlein hinauf durch Schächte und Tanks und schließlich via Schiffsschraube an die Meeresoberfläche zu bringen. Doch warum wird einem selbst diese Stunde noch lang? Weil die Charaktere vor ihrem Kampf mit Feuersbrünsten und dem bald von allen Seiten eindringenden grabeskühlen Nass bestenfalls skizziert werden: ein Macho, ein Zocker, ein Ex-Bürgermeister plus Tochter und deren Verlobtem, eine Mutti mit Kind, eine blinde Passagierin, ein Kellner und ein älterer Schwuler mit Liebeskummer. Eine Liste nur bleibt von ihnen, keine den Begriff verdienende Erinnerung. Wer überlebt? Eher egal.

Identifikationsmaterial ist es, was „Poseidon“ am schmerzlichsten fehlt – jener unabdingbare Gefühlshumus, der etwa James Camerons Katastrophenfilm „Titanic“ in eines der großen Liebes-Epen des Kinos verwandelte. Abgesehen von der bis hinein in die Dialogstanzformen mechanisch vorangetriebenen Action fehlt es an einer Story ebenso wie an Stars. Auch schauspielerisch scheint, von Kurt Russell und Richard Dreyfuss vielleicht abgesehen, nur eine second unit am Start, reduziert auf bloße Abziehbilder von Figuren. Welchen Wert hatten dagegen die großen Katastrophenfilme der Siebzigerjahre auf die Aura ihrer Helden gelegt – von „Airport“ mit Burt Lancaster und Dean Martin über „Erdbeben“ (Charlton Heston, Ava Gardner) bis zu „Flammendes Inferno“ mit Steve McQueen und Paul Newman! Immerhin: Auch das „Poseidon“-Original hatte neben Gene Hackman als dem charismatisch pastoralen Anführer des Überlebenstrupps unter anderem Ernest Borgnine und Shelley Winters aufzubieten.

Gedreht in fünf Studios und unter Mitwirkung von neun Digitalbild-Bastelunternehmen, wirkt „Poseidon“ wie ein einziger Spezialeffekt, von Anfang an darum bemüht, den Zuschauer ganz in die „Boah Ey!“-Perspektive hineinzuzwingen. So radikal wie Petersen hat wohl noch niemand ein Filmerlebnis auf die bloße Betriebsbesichtigung eines computergenerierten Firmenparks heruntergedimmt. Doch nichts ist öder als ein Spektakel praktisch ohne Geschehen, das zumindest eine Haltung zum Stoff erkennen ließe; und so gänzlich ohne Figuren, die einen zu Mitleiden und – großes Wort! – Katharsis verführen könnten.

Und doch, auch das schlechte Update eines Katastrophenfilms hat einen unschätzbaren Vorteil gegenüber jenen Versionen, die neuerdings auf die Leinwand drängen: Als pures Kintopp versündigt es sich nicht an der Realität. Derzeit sind es die Briten Paul Greengrass und auch Michael Winterbottom mit seinem auf der Berlinale vorgestellten „The Road to Guantanamo“, die das Genre mit dem Post-9/11-Schaulustigenfilm neu zu erfinden suchen. Geschickt meiden sie mit Handkamera und sparsam gesetzter Musik das Hollywood-Pathos und suggerieren so ganz der aufrüttelnden Wahrheitsvermittlung dienende Strenge. Tatsächlich aber recyceln sie für ihre Semi-Fiction hemmungslos bloß die spektakulärsten der medial vermittelten Schmerzreize.

Welchen über das Sensationsheischende hinausgehenden Sinn etwa hat es, No-Name-Schauspieler noch einmal jene herzzerreißenden Abschiedstelefonate führen und Tränen weinen zu lassen, die jeder zur Empathie befähigte Zeitgenosse sich für die real Todgeweihten des Flugs 93 von Newark nach San Francisco mühelos vorstellen kann? Warum lässt Greengrass den Chef der Luftfahrtbehörde höchstpersönlich in seinem Film mitspielen, nötigt ihn aber, im Flugkontrollzentrum cholerischer aufzutreten, als es sogar an jenem 11. September seine Art war? Und wie ist es um die gute Sache Michael Winterbottoms bestellt, wenn seine Bilder sich überwiegend an einem nachgebauten Hundekäfig- und Folterset berauschen, mithin an dem Schaulustigen-Thrill, den Zuschauer in die abgeschirmtesten Zonen der Gegenwart glotzen zu lassen? Ob „United 93“ oder „Road to Guantanamo“: Es ist etwas Obszönes um diese postmodernen Katastrophenfilme, weil sie auch reales, von Menschen verschuldetes Leiden letztlich schamlos dem folgenlosen Voyeurismus dienstbar machen.

Lumières Zuschauer, die aus dem Kino flohen, waren Opfer der Illusion. Heute sind vielleicht eher die Hüter der Desillusion gefragt – und die Entschiedenheit, gewisse Filme aus guten Gründen zu meiden. Petersens Meerfahrt dagegen ist nur eine harmlose Kino-Jahrmarktsbude von gestern, die sich als eine von morgen tarnt. Hinausspaziert!

„Poseidon“ läuft ab heute in 19 Berliner Kinos, OV im Cinestar SonyCenter

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