Kultur : Der unverstandene Fluss

Der Publizist Uwe Rada rehabilitiert die Memel als Zukunftsort eines Europas der Völker – nicht der Nationen

Sebastian Bickerich

Den Fluss kennt eigentlich kein Mensch, nur den Namen, bei dem bekommen alle irgendwie ein schlechtes Gewissen. „Von der Maas bis an die Memel“ – dass dieser Vers der ersten Strophe des Deutschlandliedes von Hoffmann von Fallersleben ganz korrekt die damaligen Grenzen des Deutschen Bundes benennt, ist heute ebenso in Vergessenheit geraten wie die gesamte Kulturlandschaft um das Flüsschen im Osten. Dabei ist die Ecke nördlich von Königsberg eine der historisch interessantesten und kulturell vielfältigsten in Europa, wie der Publizist und taz-Autor Uwe Rada zu Recht feststellt. In seinem Buch „Die Memel – Kulturgeschichte eines europäischen Stromes“ erzählt er in 14 lesenswerten Episoden Geschichte und Geschichten von dem Flüsschen – natürlich auch die bekannteste um den „Frieden von Tilsit“, in dem Napoleon Preußen zerschlug, obwohl er kurz vorher Luise zu Gast hatte, die schöne Geheimwaffe der Deutschen, die vergeblich um die Rettung ihrer Heimat flehte. „Eine Viertelstunde noch, und ich würde der Königin alles versprochen haben“, soll Napoleon nach der Begegnung gesagt haben – dumm nur, dass das Geplänkel der beiden ausgerechnet von Luises Mann Friedrich Wilhelm III. unterbrochen wurde.

So blieb Napoleon hart und diktierte nach einem Treffen mit dem russischen Zaren auf einem Memelfloß Alexander den Siegfrieden, der in den Worten des Sozialdemokraten Franz Mehring „die unzerstörbaren Keime neuer Zwietracht“ säte und ganzen Generationen von Deutschen und Franzosen Erbfeindschaft, Leid und Krieg brachte.

Das Memelgebiet selbst litt darunter zwar nicht unmittelbar – bis zum Ende des Ersten Weltkriegs blieb die alte Grenze bei Schmalleningken „Preußisch-Sibirien“, die Trennlinie zwischen Zaren- und dem Deutschen Reich. Und doch ist der Fluss Sinnbild für eine merkwürdige Dialektik aus Nationalismus und dem genauen Gegenteil. Einerseits ist er der weltweit wohl einzige Fluss, der in seinem Lauf durch verschiedene Nationen jeweils eigene Namen trägt – für den jeweiligen Abschnitt. So nannten Polen und Litauer ihren Njemen/Niemen am preußischen Oberlauf selbst Memel; auch deutsche Quellen sprechen vom Njoman in Weißrussland, obwohl der Fluss der gleiche ist wie der nun Memel genannte ein paar Kilometer flussabwärts. „Memel, Njemen, Neman, Njoman, Niemen: Die Namen, die der Strom auf seinem Lauf von der Hochebene bei Minsk bis ins Kurische Haff trägt, sind so zahlreich wie die Grenzen, die er im Lauf seiner Geschichte gebildet hat.“ Andererseits „gab es immer auch den einen Fluss, den Strom, der diese Grenzen überwunden hat“, schreibt Rada.

Genau dafür steht der wohl bekannteste Chronist des Flusses, der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz. Jeder Pole kennt die ersten Verse seines Pan Tadeusz, in denen Mickiewicz Litauen als sein Vaterland beschreibt – freilich auf polnisch; die Landschaft wiederum, der er huldigt, ist das weißrussische Memelgebiet. Es ist dieses Mehrdeutige im Nationalen, das diese Region so sehr zu einer kulturellen Metapher auf den Osten Europas macht. Wie auch in Galizien, der literarisch berühmtesten Region des Ostens, treffen und trafen in der Gegend Polen, Deutsche, Juden und andere Minderheiten, in diesem Falle Litauer, aufeinander, die sich zwar unter den wechselnden Herrschaften ihrer meist fremden Dominanzmächte bekabbelten, sich aber auch kulturell und ökonomisch befruchteten. „Dort, in den östlichen Grenzlanden..., lässt sich bis heute jenes Wechselspiel zwischen Staatenbildung und nationaler wie auch regionaler Identität beobachten, wie es für die Vielvölkerregion Osteuropas typisch war“, schreibt Rada. Archetypisch dafür ist das mythische Volk der Sarmaten, das Rada beschreibt. „Einst gab es in der Mitte Europas ein Reich, das wurde bewohnt von baltischen und slawischen Stämmen. Sie alle teilten sich das Land mit den ausgedehnten Wäldern, Sümpfen und Strömen, auf denen sie das Holz in Richtung Ostsee transportierten… Die Menschen – der griechische Geschichtsschreiber Herodot und Ptolemäus nannten sie Sarmaten – trugen Fellmützen, lange Gewänder und Schnurrbärte und saßen im Wirtshaus ebenso gern wie auf dem Rücken wilder Pferde. Sie verehrten die Bäume als Götter… Groß und mächtig war dieses Großfürstentum der Litauer und Ruthenen, es reichte von der Ostsee im Norden bis zum Schwarzen Meer im Süden. Doch dann klopften die Feinde an die Tür, die Deutschen im Westen und die Russen im Osten.“ Dass die nicht nur an der Tür klopften, sondern für die ganze Region Leid und Vertreibung brachten, spart Rada nicht aus. Lange vor dem Zweiten Weltkrieg erlebt das Memelland eine unbeschreibliche Nationalisierung, und es war in den Worten der Gräfin Dönhoff nicht nur Ostpreußen, eine Welt, die noch von der Natur bestimmt war und von einer gewissen Ehrfurcht, „die inzwischen der gedankenlosen und unbarmherzigen Hybris des Menschen zum Opfer gefallen ist.“ Die traf nach dem Wiederanschluss des zwischenzeitlich französisch und litauisch verwalteten Memelgebiets an das Deutsche Reich 1939, vor allem aber nach dem deutschen Überfall auf die UdSSR zuallererst die Tausenden Juden, die als Flößer und Handwerker eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben der Region spielten. Wie sie wurden auch Tausende Polen und Weißrussen in dem Gebiet Opfer der Nazi-Gewaltherrschaft. Nach dem Krieg geriet die Region als hochgerüstete Randprovinz der UdSSR in Vergessenheit; erst seit 1989 und dem Zerfall der Sowjetunion wird die Kulturlandschaft wieder langsam belebt. Doch wie in anderen Regionen Osteuropas drohen auch hier neue Grenzen, wie Rada warnt: Die Außengrenzen der Europäischen Union.

In Zukunft soll es ein Europa geben, das besteht zwar immer noch aus Staaten und Nationen, „aber auch aus Menschen, die mit Sorge beobachten, wie sich der Westen in seinem Wohlstand einmauert und der Osten in seinen letzten Großmachtträumen Zuflucht sucht. Dagegen setzen sie ein neues, freies, unabhängiges Europa, dem der Mensch mehr ist als Arbeitskraft, der Wald mehr als Rohstofflieferant und ein Fluss mehr als eine Wasserstraße. Ein Europa, das Grenzen nicht mehr duldet und auch nicht mehr braucht“, fordert Rada in seinem Schlussplädoyer. Eine richtige Forderung in einem lesenswerten Buch, die an Milan Kunderas Wort von den Grenzen Mitteleuropas erinnert: „Es wäre sinnlos, diese Grenzen exakt ziehen zu wollen. Mitteleuropa ist kein Staat: Es ist eine Kultur oder ein Schicksal. Seine Grenzen sind imaginär und müssen in jeder geschichtlichen Situation neu gezogen werden.“





– Uwe Rada:

Die Memel.

Kulturgeschichte

eines europäischen Stromes.

Siedler Verlag,

München 2010,

368 Seiten, 19,95 Euro.

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