Kultur : Der Unvollendete

Ein Prachtband feiert das Genie Michelangelo – und bezweifelt die Echtheit etlicher Werke

Christina Tilmann

Den Zweiflern hat er seine Züge gegeben: dem zum Paulus bekehrten Saulus, niedergestreckt vom mächtigen Arm Christi, in den Fresken der Cappella Paolina im Vatikan. Oder dem greisen Nikodemus, Schutzpatron der Bildhauer und Skeptiker vor dem Herrn, in der grandiosen, unvollendeten Pietà in Florenz.Und am spektakulärsten in der Darstellung des Bartholomäus im „Jüngsten Gericht“ der Sixtinischen Kapelle. Da hält der Heilige den Fratzen der Hölle seine abgezogene Haut entgegen – und auf der Haut ist ein Schmerzensgesicht erkennbar, ein bärtiges verzerrtes Männergesicht. Es sind Michelangelos eigene Züge.

Übergroßes Selbstbewusstsein spricht daraus, Hauptpersonen christlicher Kunst die eigenen Züge zu verleihen, und den eigenen Zweifel. Ich, Michelangelo, stehe im Zentrum meiner Kunst, sagt die Motivwahl. Kein Wunder, dass Michelangelo, der Gigant, der Maßlose, als Inbegriff des modernen Künstlers gilt. Als Erster, der sich aus der Abhängigkeit päpstlicher oder fürstlicher Aufträge befreite, der seine eigenen Bedingungen setzte und selbst mit Päpsten rechtete. Geldgierig soll er gewesen sein, ruhmsüchtig, überheblich. Von Unzufriedenheit, Finanzsorgen und Lebenszweifeln berichten viele seiner Briefe. Legendär seine Auseinandersetzungen mit Julius II., der als ähnlich jähzornig geschildert wird. Der Künstler als Berserker, als Wüterich: Von Michelangelos terribiltà berichten schon die zeitgenössischen Chronisten. Die Faszination ist bis heute geblieben.

Wenn der auf Extrembücher spezialisierte Taschen Verlag nach Leonardo da Vinci nun auch diesen Künstler mit einer Werkmonografie ehrt, ist das kein normales Unterfangen. Der ganze Michelangelo soll es sein – und herausgekommen ist ein Buch, groß und schrecklich wie sein Gegenstand, voller Ehrgeiz und Selbstüberschätzung, Konventionen sprengend wie Maßstäbe setzend. Und doch auch: ein unvollendetes Buch, das seine Grenzen gleichzeitig setzt und überschreitet. Ein Paradox.

Es beginnt beim Format. 768 Seiten dick, 44 mal 29 Zentimeter groß und etwa neun Kilo schwer, sprengt der Prachtband jedes Maß normaler Nutzbarkeit. Wo ist der Schreibtisch, der genug Platz böte, wo der Coffeetable, der nicht unter dem Werk zusammenbräche? Man denkt an Michelangelos Kampf mit den Marmorblöcken, wenn man durch die Serien von aufklappbaren Bildtafeln blättert. Und wünscht sich eines der von ihm entworfenen Lesepulte aus der Biblioteca Laurenziana in Florenz herbei. Mittelalterlichen Folianten, wie sie in den Mönchsbibliotheken aufbewahrt wurden, ist der Band am ehesten vergleichbar.

Noch schwerwiegender ist der Inhalt. Eine umfassende Werkmonografie hatten die Kunsthistoriker Frank Zöllner und Christof Thoenes im Sinn: ein Buch, das erstmals den Bildhauer, Maler, Architekten und Zeichner Michelangelo gleichermaßen würdigt, mit einem flüssig, fast feuilletonistisch geschriebenen Biografieteil voller Anekdoten und einfühlsamer Analysen, dazu brillante Abbildungen aller Werke quasi in Cinemascope, Detail- und Großaufnahmen in Hülle und Fülle – allein der Abbildungsteil der Sixtina füllt 134 Seiten in Einzelaufnahmen. Und gleichzeitig: einen seriösen wissenschaftlichen Bestandskatalog, der den letzten Stand der Forschung summiert.

Vor allem dieser Wissenschaftsteil sorgte schon im Vorfeld für große Aufregung. Wie bei Rembrandt tobt auch bei Michelangelo ein Streit der Zu- und Abschreibungen, besonders im Bereich der Zeichnungen. Vor allem britische Museen, die erstaunlich viele Michelangelo-Zeichnungen besitzen, fürchten nun um ihren Bestand. „Beachten Sie den Unterschied: Einer dieser beiden Michelangelos soll eine Fälschung sein“, überschrieb die „Times“ eine Rezension.

Der Streit zwischen den „Expansionisten“, die bis zu 900 Zeichnungen als eigenhändig ansehen, und den „Revisionisten“, die das Œuvre zuletzt auf unter 200 Zeichnungen ansetzten, erinnert an die Arbeit des „Rembrandt Research Projects“ unter Ernst van de Wetering, dessen kennerschaftlichem Blick die Rembrandts gleich reihenweise zum Opfer fielen. Auch Frank Zöllners erklärtes Ziel ist es, „dass die stagnierende Debatte um die Zuschreibung der Michelangelo-Zeichnungen in eine neue Phase tritt und dabei weder von den Interessen des Kunstmarkts diktiert wird, noch von dem Wunsch nach einem möglichst umfangreichen Œuvre des Zeichners bestimmt wird. Die Leitidee dieses Buches ist daher: Das Auge ist fehlbar, aber es sollte unbestechlich sein.“

Detail über Detail, Werk über Werk feiert der Taschen-Prunkband die geniale Handschrift des Meisters. Deshalb ist er für eine kritische Revision nicht unbedingt der richtige Ort. Man hätte die Debatte um Eigenhändigkeit und Zuschreibung eher in einem wissenschaftlichen Fachmagazin vermutet als in einem populären Großprojekt. Der monumentalen Form nach verrät der Taschen-Auftritt Ambitionen auf Ewigkeitswert. Aber der Inhalt erweist sich als Augenblicksaufnahme. Denn was Zöllner im (bescheiden auf mattem Papier gedruckten) Wissenschaftsteil an Thesen und Schlussfolgerungen aufstellt, ist lediglich der aktuelle Forschungsstand und wird bald Widerspruch und Widerlegung finden. Aber der glorifizierende Gestus des Hochglanzteils erstickt jeden Zweifel im Keim.

Doch vielleicht ist gerade dieser Zwitter von wissenschaftlichem Grundlagenwerk und populärem Prunkstück dem Geist des Künstlers kongenial. Michelangelo, der alles wagte und nichts richtig konnte, der himmelstürmende Pläne entwarf und die Ausführung oft im Rohzustand abbrach, ist nicht der Meister der vollendeten Form, sondern der große Unvollendete. Einer, der sich permanent übernahm, regelmäßig mehr Aufträge annahm, als er auszuführen imstande war, und gerade in dieser Maßlosigkeit ein übermenschliches Werk zustande brachte.

Seine gesamte Werkgeschichte besteht aus Aufträgen, die sich über Jahrzehnte hinzogen, immer wieder abgewandelt, reduziert, variiert wurden. Was am Ende der Nachwelt blieb, ist in vielen Fällen nur Entwurf und Idee, nur Andeutung in Stein. Höchst unwahrscheinlich daher die Theorie, Michelangelo habe einen Großteil seiner Zeichnungen vernichtet, weil er der Welt nichts Unvollendetes hinterlassen wollte. Im Gegenteil: Gerade in dem Selbstbewusstsein, auch ein missglücktes Werk bestehen zu lassen, zeigt sich für Zöllner – und für alle bewundernden Nachgeborenen – die wahre Modernität Michelangelos.

„Auch Unvollendetes kann ein vollendetes Kunstwerk sein“, resümiert der Taschen-Band. Und setzt diesem Unvollendeten ein angemessen Denkmal.

Frank Zöllner, Christof Thoenes, Thomas Pöpper, Michelangelo. Taschen Verlag, Köln 2007. 768 Seiten, 150 Euro.

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