Kultur : Der Urschrei

Archetyp der Angst: Der brutale Osloer Kunstraub trifft ins Herz der modernen Kultur

Nicola Kuhn

Es gibt Bilder, die man zu hören, zu schmecken, zu riechen meint. Munchs „Schrei“ ist ein solches Werk. Jetzt, da es den Blicken aller durch Raub entzogen ist, meinen wir noch intensiver sein Echo zu vernehmen. Gleichwohl: Verschwunden ist es nicht, denn kein Kunstwerk der Moderne wurde häufiger reproduziert, keines von nachfolgenden Generationen so oft adaptiert und von der populären Kultur in diesem Maße als Motiv benutzt. Weder Picasso noch van Gogh oder Gauguin können mithalten. Allein die Mona Lisa erfreut sich ähnlicher Beliebtheit, doch sie entstammt einer anderen Epoche und ist dagegen Inbegriff des Kostbaren und Schönen; sie evoziert kaum so starke Emotionen wie „Der Schrei“. Ob mit oder ohne Kenntnis der modernen Malerei, jeder erkennt sogleich Munchs Meisterwerk – dass hier Form und Inhalt ineinanderfallen, wodurch die gesamte Erscheinung etwas ungeheuer Zwingendes gewinnt. Wer einmal den „Schrei“ gesehen hat, und sei es nur als Reproduktion, dem brennt sich das Werk ins Bildgedächtnis ein.

Munch selber spürte bei der Entstehung des 83,5 mal 66 Zentimeter großen Gemäldes im Jahre 1893 sogleich, welche Bildfindung ihm da gelungen war. „Kann nur von einem Wahnsinnigen gemalt worden sein“, schrieb er in einer der vier Varianten des Bildes in den blutroten Himmel über der Landschaft. Intuitiv hatte er die bildnerische Formel für Angst schlechthin gefunden, ein archetypisches Erlebnis, das jedem Mensch widerfährt. Die in einer Geste des Erschreckens zum Kopf geführten Hände, die angstvoll aufgerissenen Augen und der zum Schrei geöffnete Mund im totenkopfartigen Gesicht bilden den Ausgangspunkt der Schallwellen, die sich von der Figur lösen und über die gesamte Landschaft bis in den Himmel fortsetzen. Mit wenigen Mitteln hat Munch ein Vokabular ikonografischer Kürzel entwickelt, mit dem er einen Seelenzustand inszeniert: die rasante Diagonale quer durch das gesamte Bild, die hart an den Vordergrund herangerückte Figur, die Landschaft als Echoraum der Empfindung. „Der Schrei“ wird zur Inkunabel der Moderne, denn hier ist ein Affekt nicht mehr einer Bildfigur zugeordnet, wie es beispielgebend Rubens seit dem Barock vorgemacht hat, sondern das Gemälde selbst wird zum emotionalen Ausdrucksträger.

Gleichwohl hat „Der Schrei“ für den unter Depressionen, ja Lebensangst leidenden Künstler einen autobiografischen Bezug. Das Motiv bezieht sich sogar auf ein reales Erlebnis, von dem er in seinem Tagebuch berichtet: „Ich ging mit zwei Freunden die Straße entlang, die Sonne ging unter – ich spürte einen Hauch von Schwermut – der Himmel färbte sich plötzlich blutig rot. Ich blieb stehen, lehnte mich todmüde gegen einen Zaun – sah die flammenden Wolken wie Blut und Schwerter – den blauschwarzen Fjord und die Stadt – meine Freunde gingen weiter – ich stand da zitternd vor Angst – und ich fühlte wie ein langer unendlicher Schrei durch die Natur ging.“ Unweit des Platzes, von dem aus Munch die Brücke über den Fjord mit Oslo im Hintergrund malte, befand sich der Schlachthof und die psychiatrische Klinik für Frauen, in die auch Munchs Schwester Laura eingeliefert worden war.

Dennoch könnte das Gemälde in Berlin entstanden sein. Im Jahr 1892 reiste der Munch auf Einladung des Vereins Berliner Künstler mit 55 Werken in die Reichshauptstadt, wo er in der frisch renovierten Rotunde im Architektenhaus in der Wilhelmstraße 92/93 ausstellen durfte. Die Eröffnung bescherte Berlin einen Kunstskandal von nachhaltiger Wirkung. Eine Woche später wurde die Ausstellung geschlossen, in den Zeitungen tobte eine Schlacht um diesen „Hohn für die Kunst“, wie sich der kaiserliche Hofmaler Anton von Werner ereiferte. Langfristig entwickelte sich aus diesem Streit entwickelte aber auch die „Berliner Secession“ – als Gegenbewegung zum damals gepflegten Akademismus und als Wiege der Moderne in Deutschland, die im Expressionismus ihren Ausgang nahm.

Munch war von der aufgebauschten Auseinandersetzung sichtlich angetan. „Ja, nun ist die Ausstellung eröffnet – und erweckt kolossale Aufregung,“ schrieb er nach Hause. Er blieb trotz aller Anfeindungen und machte Berlin für eineinhalb Jahrzehnte zum bevorzugten Ort seines Schaffens. Hier traf er sich mit skandinavischen Exilanten wie Strindberg, etwa im Weinhaus „Zum schwarzen Ferkel“, hier fand er Auftraggeber und Förderer. Die umfangreichen Grafikbestände im Berliner Kupferstichkabinett – nach dem Munch-Museum die weltweit größte Sammlung – und der heute zu Hauptteilen im Besitz der Nationalgalerie befindliche Reinhardt-Fries, den der Künstler für die Kammerspiele des Deutschen Theaters schuf, zeugen von der engen Beziehung Munchs zu Berlin.

Darauf nimmt auch die MoMA-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Bezug. Das erste Bild im Eingangssaal ist Munchs „Sturm“, das ebenfalls 1893 entstand und wie sein „Schrei“ keine Einzelpersonen zeigt, sondern eher Repräsentanten individueller Seelenzustände. Vielleicht erklärt dies auch das besonders große Entsetzen über den Osloer Kunstraub. Der Diebstahl hat nicht nur allen einen Schatz genommen, sondern eben jenes durch das Bild symbolisierte Gefühl der Angst in eine reale Erfahrung überführt. Nicht einmal der sakrosankte Ort Museum schützt vor der Gewalt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben