Kultur : Der verborgene Avantgardist

NICOLA KUHN

Das Georg-Kolbe-Museum fungiert seit vielen Jahren in Berlin als wichtiger Gastgeber für Skulpturenausstellungen, umso mehr seit Eröffnung der neu angefügten Halle.Nun sind die lichten Räume von Kolbes ehemaligem Atelier, die jüngst hinzugekommenen Präsentationsflächen einem dem Haus wohl besonders lieben Gast zur Verfügung gestellt: dem Berliner Bildhauer Karl Hartung, der in diesem Jahr seinen 90.Geburtstag gefeiert hätte.Hartung kehrt gleichsam zu Kolbe zurück, denn vor über 60 Jahren war er als junger Mann schon einmal hier, um dem renommierten Kollegen seine Mappe zu zeigen.Beeindruckt von dessen Proben, riet er dem gerade nach Berlin gezogenen Hartung vom weiteren Studium ab und entließ ihn gleichsam in die Selbständigkeit.

Die Ausstellung zeigt die Summe von Hartungs künstlerischem Werk, das sich nicht nur durch enorme Produktivität auszeichnet, sondern vor allem durch vielfältige stilistische Wandlungen.Mochte Kolbe Ende der dreißiger Jahre bei ihm noch die Übergänge von der figürlichen Darstellung zur biomorphen Gestalt gesehen haben, so schwenkte der Bildhauer in seinem nächsten Schaffensjahrzehnt noch einmal zur kristallin aufgebrochenen Form um.Diese sukzessive Veränderung wird an der knapp 50 Arbeiten umfassenden Ausstellung ablesbar, jede für sich ein kleines Meisterwerk - merkwürdig, daß ein Künstler von Hartungs Kaliber so lange in Vergessenheit geraten konnte.Die Ausstellung dient deshalb in gewisser Hinsicht seiner Rehabilitation, zumal in Berlin, wo er seit 1936 bis zu seinem Tod 1967 gelebt hatte.

Anlaß für die Wiederentdeckung war die Aufarbeitung des vor vier Jahren ans Archiv für Bildende Kunst im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg gegangenen schriftlichen Nachlasses und die Erstellung seines Werkverzeichnisses durch Tagesspiegel-Mitarbeiter Markus Krause.Jahrelang hatte das Verdikt gegolten, daß die in den fünfziger und sechziger Jahren noch geltende klassische Konzeption der Kernskulptur veraltet sei, mithin ihre Vertreter uninteressant seien.Nach einem Vorstoß der Galerie Pels-Leusden, die Hartungs an seinem 80.Geburtstag mit einer Einzelschau gedachte, scheint nun endgültig die Zeit reif, seine singuläre Leistung zu würdigen.

Dabei hat der als schwierig geltende Bildhauer, der durch seine charakteristische Baskenmütze, den Kinnbart und die schwarzrandige Brille immer etwas grimmig aussieht, durchaus selber zu seinem Vergessen beigetragen: In seinen späten Jahren verweigerte er die Zusammenarbeit mit Galeristen; als ungemütlich galt er auch in seinen Funktionen - etwa als Präsident des Künstlerbundes, Angehöriger der Akademie der Künste und Professor an der Hochschule der Künste.Am Ende wandte sich sogar Will Grohmann, sein wichtigster Fürsprecher von ihm ab, der ihn einst pathetisch mit Uhlmann und Heiliger ins "Berliner Dreigestirn" gehoben hatte.

Damals gehörte Hartung tatasächlich zu den herausragenden Erscheinungen auf der deutschen Künstlerszene.Ihm war es während des Dritten Reiches gelungen, sein Werk im Verborgenen zu entwickeln und die vor dem Krieg von Maillol und Moore empfangenen Eindrücke konsequent weiterzuverarbeiten.Nach dem Krieg gehörte er dadurch zu den wenigen, die den Anschluß an die Avantgarde gehalten hatten und deshalb auch international standhalten konnten.Als seine ersten Käufer im Nachkriegs-Berlin traten die Amis auf; einer seiner frühesten Kataloge einer Ausstellung 1946 in Dahlem war auf Englisch geschrieben, mit einem Vorwort des Kustos vom Metropolitan Museum New York.Selbstverständlich gehörte er auch zur ersten Garde der legendären Berliner Galerie Rosen.Seine Arbeiten wurden unter anderem auf der documenta I und II in Kassel sowie bei der Biennale in Venedig 1956 gezeigt.

In der Ausstellung des Georg-Kolbe-Museums ist diese rasante Entwicklung auf vier Räume verdichtet, und dennoch atmen sie die kolossale Lebensleistung eines Bildhauers, der mit seinem überraschenden Tod im Alter von 59 Jahren rund 800 Skulpturen hinterließ.Der Sohn eines Hamburger Tischlermeisters ging seine ersten künstlerischen Schritte in den frühen zwanziger Jahren als Holzbildhauer.Ihren eigentlichen Auftakt aber nimmt die Ausstellung mit Werken der frühen dreißiger Jahre, die deutlich vom Einfluß Maillols auf den jungen Künstler zeugen, der als Pariser Lichtwark-Stipendiat 1929 bis 1931 in der Nähe des großen Meisters gearbeitet hatte.Bei dem im Jahr darauf folgenden Studienauffenthalt reagiert er ähnlich empfänglich auf die Kunst der alten Etrusker.Während er bei seinen Akten zuvor noch die schwellenden Volumina betont hatte, erhält 1935 etwa der marmorne Porträtkopf seiner Frau Ilse eine etruskisch blockhafte Kantigkeit.Mitte der dreißiger Jahre stößt Hartung zur Abstraktion vor.Während dieser Zeit wechselte er auch nach Berlin, wo er nur deshalb einigermaßen ungestört seinen Weg fortsetzen konnte, weil er durch die jahrelangen Auslandsaufenthalte den Nazis ein unbeschriebenes Blatt war.

Mag in Hartungs Werk die Begegnung mit Picasso noch einmal aufblitzen wie zum Beispiel in der monumentalen Liegenden, deren herrliche Patina durch das zum Atelierfenster hereinscheinende grünlich gefärbte Sonnenlicht des Gartens besonders schön zur Geltung gebracht wird.Oder auch der Besuch bei Brancusi etwa im goldglänzenden Vogel vom 1935 seine Spuren hinterlassen.Wichtigste Inspirationsquelle war jedoch der Brite Henry Moore.Wie er geht Hartung in diesen Jahren die aufregende Gratwanderung zwischen Abstraktion und konkreter Darstellung; seine Liegenden haben mit ihren gerundeten Formen und überraschenden Kanten eine ähnliche haptische Qualität.Zu den eigentümlichsten Entdeckungen bei der neuerlichen Beschäftigung mit dem Werk Karl Hartungs gehört es, daß in all den Jahren des heimlichen Arbeitens während der Nazi-Zeit, den Jahren der Entbehrung nach dem Krieg seine Werke Harmonie und innere Unversehrtheit auszustrahlen scheinen.Doch in dem Moment, wo sich Normalität, ja Wohlstand in Deutschland ausbreitet, brechen die Oberflächen seiner Skulpturen auf.Nicht mehr die äußere Erscheinung, die innere Struktur der Dinge beginnt ihn zu interessieren.Das geht sogar so weit, daß Hartung seine Stehenden komplett skelettiert.Nicht wie Knochenmänner erscheinen sie, sondern wie Zerrissene.Zu den beeindruckendsten Beispielen dieser Reihe gehört der im Vorgarten des Kolbe-Museums plazierte "Thronoi", eine bedrohliche Engelsfigur, die sich mit verschränkten Armen auf einer Art Thron niedergelassen hat.Hartungs Zeitgenossen mag diese mahnende Gestalt erschreckt haben, die sich wie ein Wächter womöglich auch vor die weitere Rezeption seines Werkes gestellt hat.Zu den Vorteilen einer späteren Wiederentdeckung aber gehört es, die Entwicklung eines Künstler noch einmal unbefangen von seinen Anfängen her kennenzulernen und selbst einen Totenengel als vorübergehenden Wegbegleiter erkennen zu können.

Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, bis 23.August; Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr.Katalog 20 DM.Werkverzeichnis von Markus Krause (Prestel Verlag) 68 DM.

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