Kultur : Der Verdacht

„Brothers“ und die Obsession eines Überlebenden

Christina Tilmann

Sie stehen an der Gangway und winken, wie eine richtige Familie: Mann, Frau, zwei Kinder. Glück in allen Gesichtern. Doch der Mann, der dort übers Flugfeld kommt, kann das Glück nicht sehen. Er, nicht der andere dort bei der Frau und den Kindern, ist der Vater. Und Glück, Glück kann es für ihn nicht mehr geben, seit jenem Lager in Afghanistan.

Michael (Ulrich Thomsen) ist Major der dänischen Armee – und auf einem Nato-Einsatz in Afghanistan abgeschossen worden. Daheim wird er für tot erklärt, und die Familie müht sich, mit dieser Nachricht weiterzuleben. Bis Michael überraschend und schwer traumatisiert zurückkommt. Schon am Flughafen fangen die Verdächtigungen an. Die da so einträchtig nebeneinander stehen, Ehefrau und Schwager, hält sie nur die Wiedersehensfreude zusammen? „Ihr seht aus wie zwei Frischverliebte“, wirft Michael Sarah später an den Kopf. „Habt ihr miteinander geschlafen?“ Da ist einer zurückgekommen, der für tot erklärt war, und muss erkennen: Er ist tatsächlich ein Stück weit gestorben. Das Leben ist weitergegangen, ohne ihn, und es hat Lachen gegeben und Fröhlichkeit, und vielleicht sogar einen Kuss.

Psychische Spätschäden nach einem Nato-Einsatz zeigt die dänische Regisseurin Susanne Bier („Open Hearts“) in ihrem beklemmenden Spielfilm „Brothers – Zwischen Brüdern“. „Euch wird nichts begegnen, worauf ihr nicht vorbereitet seid“, hatte Major Michael seinen Soldaten auf dem Weg nach Afghanistan versichert. Doch kann man darauf vorbereitet sein, dass Menschen sterben? Dass man gefangen genommen wird? Vielleicht selbst töten muss? Frauenfragen, einmal ganz unschuldig gestellt bei der Geburtstagsfeier der kleinen Tochter – und schnell, zu schnell beiseite gewischt. Denn Michael selbst ist nicht auf das vorbereitet, was ihm widerfährt, dort im Lager. Und seine Familie nicht darauf, wie er zurückkommt.

Trauma, Verantwortung, Schuld. Die erste Szene schon: Michael holt seinen Bruder Jannik im Gefängnis ab, wo Jannik wegen eines misslungenen Banküberfalls einsaß. Und schon im Wagen redet er auf ihn ein: Er müsse sich bei der Kassiererin entschuldigen, die seit dem Überfall traumatisiert ist. Noch einmal persönlich entschuldigen, denn er, der Major, habe sich längst für seinen Bruder entschuldigt. Und die Kamera, dogma-geschult, hält beklemmend nah drauf, auf diese beengende brüderliche Fürsorge. Als die Autotür aufspringt, wird der Blick frei über ein Feld, über das Jannik entflieht: eine Befreiung.

Die Rollen sind anfangs klar verteilt. Hier der ältere Bruder, der sichtbar Erwachsene, Erfolgreiche: Der dänische Schauspielstar Ulrich Thomsen hat sich, seit seinem Durchbruch in Thomas Vinterbergs „Das Fest“ und zuletzt in Per Flys „Das Erbe“, auf die Rolle der verantwortungsvollen und doch im Inneren labilen „starken Männer“ eingespielt. Dort der Jüngere, das schwarze Schaf der Familie: Nikolai Lie Kaas gibt ihn als dauerbetrunkenen, aber sehr charmanten Hallodri. Auch Michaels Frau Sarah (Connie Nielsen) hat zunächst ihre Meinung über ihren Schwager: „Du bist schon wieder betrunken Auto gefahren“, herrscht sie ihn an. Doch später löst sie ihn aus, als er sich in der Kneipe im Suff mit dem Wirt angelegt hat. Und Sarah lacht, lacht, wie sie nicht mehr gelacht hat seit Michaels Verschwinden. Traurige Menschen zum Lachen bringen – das ist eine hohe Kunst.

Wie die beiden Brüder die Rollen tauschen, das ist das Thema von Susanne Biers Film. Der Zuverlässige flippt plötzlich aus, der Chaot wird zum treu sorgenden Freund. Es ist eine bittere Lektion, die Michael bei seiner Rückkehr erwartet. Dass nämlich Jannik, immer belächelt, nie ernst genommen, plötzlich alles richtig gemacht hat in dieser schwierigen Zeit. Dass er sich um die Familie gekümmert hat, die Küche zusammengeschraubt, Michaels und Sarahs Töchter zum Lachen gebracht und Sarah getröstet. Und wenn da mehr war zwischen den beiden, zumindest in Gedanken, was sagt das schon? Man kann es Untreue nennen und Verrat. Oder einfach nur Leben.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Kulturbrauerei, Filmkunst66, Yorck

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