Kultur : Der verführte Blick

Die feinen Unterschiede: Madrids Prado zeigt „Vermeer und das holländische Interieur“

Christina Tilmann

Sie zupfen die Laute und putzen sich vor dem Spiegel, sie sinnen über Briefen oder spielen stehend am Spinett. Manchmal schaukeln sie die Wiege, wachen sanft über den Schlaf, oder sie schneiden Brot für das Schulkind. Ist ein Kavalier zugegen, trinken sie blutroten Wein aus kristallenen Gläsern oder musizieren zusammen. Und ganz, ganz selten waschen sie ihre Hände in Unschuld.

Groß war der Rahmen nicht, den die häusliche Betätigung der bürgerlichen Frau im Holland des 17. Jahrhundert ließ. Man muss schon Pieter de Hooch heißen, um die heimeligen, aber engen Räume ins perspektivisch Unendliche zu weiten. Häufiger, so wie bei Gerard Dou, enthüllt ein prächtig-schwerer Vorhang nur die düster-schattige, oft unaufgeräumte Stube. Und wie man aus einer kahlen Zimmerecke eine Welt macht, lehrt nur Vermeer van Delft.

Beides, das Enge und das Unendliche, die kleine Welt und das große Thema, hat der Prado nun in einer kleinen, überwältigend klugen Ausstellung zusammengespannt: „Vermeer und das holländische Interieur“. Was umso höher anzurechnen ist, als die spanischen Museen über keinen nennenswerten Stamm an holländischer Genremalerei verfügen. Im Prado füllt die Kunst aus dem Holland des 17. Jahrhunderts, die schräg gegenüber in der Sammlung Thyssen-Bornemisza reichlich mit Meisterwerken zu sehen ist, gerade einmal ein Kabinett zwischen Rubens und Van Dyck. Und von Vermeer besitzt kein spanisches Museum auch nur ein Werk.

Nur folgerichtig daher, die mit viel Mühe und diplomatischem Aufwand zusammengetragenen Vermeer-Werke in den Kontext der holländischen Zeitgenossen zu stellen. Und diesmal mag man sich nicht darüber beschweren, dass unter den 41 durchweg exquisiten Ausstellungsstücken sich nur neun des Meisters aus Delft befinden. Erstens sind die gezeigten Vermeer-Bilder, darunter die „Frau mit dem Perlenhalsband“ aus Berlin, die „Briefleserin“ aus Dresden, die „Frau mit der Waage“ aus Washington und die „Allegorie der Malerei“ aus Wien, ausschließlich Meisterwerke – aber sind nicht alle 36 Vermeers Meisterwerke? – und zweitens sieht man sie am Ende des Rundgangs so, als habe man sie zum ersten Mal gesehen.

Denn die auf vier Räume verteilte und mit jeweils sechs bis sieben Werken von Gerard Ter Borch, Gerard Dou, Pieter de Hooch, Gabriel Metsu und Jan Vermeer paritätisch und gerecht besetzte Ausstellung unternimmt nicht mehr und nicht weniger als eine Phänomenologie der Leidenschaften. Geordnet nach Themen führt sie die Vielfalt des gemeinschaftlichen Musizierens, des Briefeschreibens, Zusammenlebens und der häuslichen Arbeit vor – und macht klar, dass es bei allen unschuldigen Tätigkeiten eigentlich um etwas anderes, Ungenanntes geht.

Dass gerade in dem Zeitalter, in dem Holland dank seiner Handelsbeziehungen zur Weltmacht aufsteigen sollte, in dem der Bürger und Geschäftsmann zum Ideal des neuen Menschen wurde, eine Bildgattung entstand, die konsequent die Frau ins Zentrum rückt, mag verwundern. Männer kommen in den kleinen, beschaulichen Welten der holländischen Interieurs nur als Gäste vor: Als Kavalier, der, oft noch in Hut und Mantel, dem Gesang oder Lautenspiel der Verehrten lauscht, ihr die Liebe zu Füßen und die Jagdbeute in den Schoß legt oder, noch deutlicher, den verführerisch funkelnden Wein reicht. Sie scheinen immer auf der Durchreise, diese bemäntelten Boten der großen, weiten Welt, stehen an Türen, lehnen an Tischen, verabschieden sich. Ein Familienvater, der, die Tochter im Schoß, am heimatlichen Herd sitzt, hat das Holland des 17. Jahrhunderts nicht erfunden.

Die heimische Bühne gehört ganz der Frau. Sekundiert von der Magd, die, teils verschwörerisch, teils kritisch die Szene beobachtet, Schmuck und Wasser reicht und Briefe überbringt, wird die Herrin des Hauses präsentiert wie ein besonders kostbares Schmuckstück. Dicke, bestickte Vorhänge werden vor der Szene zurückgeschlagen, im Innenraum funkeln die Gläser, die Leuchter, sind die schwarz-weißen Fliesen geputzt, schimmern die kostbaren Stoffe und Pelze. Es ist offensichtlich, dass sich diese Damen nicht um den Ernst des Lebens zu sorgen haben, dass sie, sensibel und verfeinert, ganz ihrer Seelenregung lauschen. Doch – Holland wäre nicht Holland, bliebe es nicht realistisch – oft steht im Vordergrund, noch vor der eigentlichen Szene, ein Putzeimer, ein Besen, ein Scheuerlump. Das Thema Ordnung und Unordnung ist allgegenwärtig.

Nicht immer sind sie leichtfertig, tändelnd, diese Damen: Bei Nicolaes Maes, Pieter de Hooch und Gerard Dou ist die Frau ganz das Vorbild, die Madonna mit Kind in der Wiege, die liebevolle Mutter, die Brot und Milch verteilt, und die strafende Erzieherin, die ihrem Sohn das Trommeln verbietet. Ist sie allein, sitzt sie am Spinnrad oder putzt sich, schon weniger tugendhaft, erwartungsvoll vorm Spiegel. Sie schreibt elegische Briefe und stimmt ihr Instrument. Doch erst dann erblüht sie, in schimmernden Stoffen, mit leuchtend roten Schleifen geschmückt, wenn der Kavalier kommt und mit ihr musiziert. Und wenn sie bei Gabriel Metsu schließlich krank, liebeskrank im Sessel lehnt und die Diagnose des Arztes erwartet, liegt der Gedanke nicht fern, dass diese von der kupplerischen Amme beobachtete Untersuchung noch eine andere, ganz natürliche Krankheit zu Tage bringen wird.

Denn wie die prüden Hollywood-Filme der 50er Jahre sprechen die holländischen Interieurs niemals aus, wovon sie alle handeln. Ein ausgeklügeltes System von Andeutungen und Symbolen muss genügen. All die leuchtend roten Schleifen, niedlichen Schoßhündchen, im Goldkäfig gefangenen Vögel, die unordentlich auf dem Boden verstreuten Schuhe, als Trophäe überreichten Jagdbeuten und im Hintergrund im Goldrahmen dunkelnden Bilder haben ihre Bedeutung. Und je länger man ihnen zusieht, umso lauter schreien sie heraus, dass es in diesen aufgeräumten oder unaufgeräumten Stuben immer nur um eines geht: Verführung und Liebe. Nur wenn man plump ist wie Gabriel Metsu, stellt man eine Cupido-Statue auffällig auf den Schrank. Oder entfacht im Hintergrund auf dem Seestück den Sturm der Leidenschaft. So weit aber wie Vermeer geht keiner: Er stellt seine „Frau mit der Waage“ direkt vor das Jüngste Gericht.

Das alles hat man selten so eindringlich, so überzeugend argumentiert gesehen wie in Madrid. Und doch war es nicht alles: Ganz am Schluss verlässt die Ausstellung den Rahmen, weitet mit einem letzten Sprung das Thema noch einmal aus. Vermeers „Allegorie der Malerie“, sein fast niemals ausgeliehenes Hauptwerk aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien, verlässt den häuslichen Rahmen und fasst in dem Wechselspiel zwischen Maler und Modell noch einmal die Beziehung zwischen Mann und Frau zusammen. Und es weitet sie zu einer Liebesbeziehung zwischen Maler und Zuschauer. Von dort aus sind es nur noch wenige (Gedanken-)schritte zum einige Räume weiter umlagerten Bild der „Hoffräulein“ von Velazquez. In ihm wird beides, das Wechselspiel zwischen Maler und Modell und die raffinierte Einbeziehung des Betrachters, noch einmal weitergetrieben. Der solcherart verführte Blick mag, von Vermeer angestoßen, immer weiterspringen von Bild zu Bild. Er kehrt am Ende doch zu ihm zurück.

Vermeer und das holländische Interieur, Madrid, Prado, bis 18. Mai. Katalog 25 Euro.

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