Kultur : Der verführte Verführer

Große Staatsopern-Show: Anna Netrebko und Rolando Villazón in „Manon“

Frederik Hanssen

Seltsam: Da kommt Anna Netrebko in die Stadt, das omnipräsente It-Girl des internationalen Klassikbusiness, um ihre vielgerühmte Bühnenpräsenz endlich auch in einer szenischen Aufführung Unter den Linden vorzuführen – und die Berliner Opernfans bleiben cool. Vom Hype in den Tagen vor dieser glanzvollsten Premiere der Saison ist am Sonntag in der Staatsoper zunächst nichts zu spüren.

In Amerika löst das Auftauchen Anna Netrebkos schon rauschenden Applaus aus, bevor ein einziger Ton erklungen ist. In Berlin rührt sich keine Hand, als die russische Sopranistin während der Ouvertüre hinter dem Goldlamé-Vorhang erscheint. Und am Ende fliegen keine Blumensträuße. Sicher, man freut sich auf „Manon“. Aber: Allegro ma non troppo.

Dabei gibt sie wirklich alles, wenn es darum geht, Aufstieg und Fall der Manon Lescaut darzustellen. Eine Geschichte, die Netrebko auf den Leib geschrieben ist: Ein 15-jähriges Mädchen aus der Provinz zieht durch seine Schönheit die Aufmerksamkeit der Männerwelt auf sich. Weil sie das nicht unangenehm findet, ihre Familie aber auf einen untadeligen Ruf bedacht ist, soll sie in einem Kloster untergebracht werden. Natürlich büxt sie aus und geht mit einem jungen Mann nach Paris, wo sie zum Liebling der High Society aufsteigt. Sie wird von Party zu Party weitergereicht, Shopping, Schmuck, Schuhe sind ihre Hobbys. Wer denkt da nicht an die märchenhafte Karriere der Anna N. aus dem südrussischen Krasnodar?

In der Opernversion, die der französische Komponist Jules Massenet 1884 aus dem „Manon Lescaut“-Roman seines Landsmanns Abbé Prévost destilliert hat, endet der Höhenflug der Protagonistin allerdings in der Gosse: Um ihre Luxusbedürfnisse befriedigen zu können, wird ihr Geliebter zum Spielhöllen-Zocker, bis die Polizei beide verhaftet. Die Härten der Haftstrafe überlebt das zarte Geschöpf nicht. Prévosts bewegender Roman von 1731 gehört in Frankreich zum kulturellen Kanon. Hierzulande kennt man die Story eher in der Version von Giacomo Puccini: Obwohl Massenets Stück damals überall auf den Spielplänen stand, konnte der Italiener mit dem untrüglichen Gespür für wirksame Theatereffekte ihr einfach nicht widerstehen. Inzwischen hat Puccinis Musikdrama von 1893 längst den Sieg davongetragen: Sein filmischer Naturalismus kommt den Sehgewohnheiten des heutigen Publikums mehr entgegen als Massenets ganz in der Tradition der opéra comique verwurzeltes Werk.

Eine musikalische Romantik à la „Freischütz“ gab es in der französischen Oper nie. Hier dominierte die aufs bombastische Überwältigungstheater ausgerichtete grand opéra im Stile Giacomo Meyerbeers. Auch der 1842 geborene Massenet errang seine ersten Publikumserfolge mit exotischen Sujets und monumentalen Tableaux, dem in Indien spielenden „Roi de Lahore“ und seiner SalomeVersion „Hérodiade“. Die opéra comique dagegen findet ihre Geschichten im Alltag, rückt den menschlichen Faktor in den Mittelpunkt, betont das Volkstümliche. Die berühmtesten Beispiele: Bizets „Carmen“, Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ und Massenets „Werther“.

Staatsopern-Chefdirigent Daniel Barenboim hat um dieses Repertoire bislang einen Bogen gemacht, von seiner „Carmen“ 2004 einmal abgesehen. Warum auch immer der ursprünglich für „Manon“ vorgesehene Bertrand de Billy vor sechs Wochen hinschmiss – er sei mit der hier gezeigten Fassung unzufrieden, so die Begründung –, dieser Abgang jedenfalls erwies sich als Glücksfall. Barenboim persönlich dirigierte die Premiere, um die seit Monaten ausgebuchte Produktion zu retten. Gerade zehn Tage hatte er fürs Partiturstudium Zeit.

Vielleicht wirkt sein Zugriff deshalb so spontan, durchpulst von pubertärer Leidenschaftlichkeit. In den Massenszenen geht es durchaus auch mal derb zu, aber wie er in den Arien und Liebesduetten mit seinen Solisten atmet, wie er Farben und Nuancen zaubert, die Staatskapelle sinnlich aufrauschen oder sentimental singen lässt und dabei stilsicher am Kitsch vorbeimanövriert, das beglückt. Und entschädigt für das, was Anna Netrebko ihrer Manon schuldig bleibt. So uneitel sie sich in den Dienst der Rolle stellt, im ersten Akt das Naivchen gibt, im zweiten barfuß durchs Pariser Liebesnest tollt, zum Schlussapplaus sogar mit der Zottelperücke und dem grauen Gefängnisfetzen aus dem Finalbild erscheint, letztlich will ihre hoch professionelle Darstellung einfach nicht anrühren.

Zwar ist die Art, wie sie ihre Gesangslinie gestaltet, ebenso vorbildlich wie ihre französische Diktion – doch sobald Rolando Villazón neben ihr auftaucht, fesselt die Expressivität dieses Jahrhunderttenors ungleich mehr. Villazón lotet das Seelenleben des Chevalier Des Grieux aus, ist bei der ersten Begegnung wie vom Donnerschlag gerührt und verleiht dem stillen Glück der Zweisamkeit ebenso Ausdruck wie dem Ringen ums Vergessen nach der Trennung.

Die Szene, in der Manon ihren Chevalier zum zweiten Mal verführt, just in dem Moment, wo er die Priesterweihe empfangen soll, ist das musikalische Herzstück der Oper. Regisseur Vincent Paterson (der in den USA unter anderem Videoclips von Madonna und Michael Jackson realisierte) geht in seinem Operndebüt eher harmlos zu Werke, wenn er das Liebesdrama als kunterbunte Fünfzigerjahre-Hollywood-Schmonzette erzählt. Aber er ist Profi genug, allen regiehandwerklichen Ehrgeiz auf diesen Zweikampf der Herzen zu konzentrieren.

Ein längs der Rampe aufragendes Chorgitter (Bühnenbild: Johannes Leiacker) trennt die Liebenden. Nicht nur die Soutane soll Des Grieux ein Schutzschild sein gegen diese Frau, die sein Untergang ist, nein, er hat sich selber eingesperrt. Im knallroten Petticoat tigert sie derweil vor den Stäben hin und her, fleht, gurrt, bettelt, bis sie sein Gewand zu fassen bekommt: „Ist’s nicht mehr meine Hand, die die deine drückt, ganz so wie früher?!“ Sie liegt am Boden, angelt durchs Gitter, er windet sich, und gibt doch nach, Zentimeter für Zentimeter. Dann fliegt die Tür auf, Netrebko und Villazón sind das Traumpaar der Oper. Ovationen am Ende, 20 Minuten lang.

Wieder am 3., 6., 9., 12., 16. und 19. Mai. Alle Vorstellungen sind ausverkauft. Arte zeigt am 9. Mai eine Aufzeichnung der Premiere (20. 15 Uhr). Die Aufführung am 19. Mai wird ab 19 Uhr live und gratis auf den Bebelplatz übertragen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar