Kultur : Der verkannte Sohn

Eine Ausstellung in der Max-Liebermann-Villa am Wannsee zeigt, was der Maler in Frankreich lernte.

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Der französische Impressionismus fand im wilhelminischen Deutschland seine engagiertesten Sammler. Die Alte Nationalgalerie in Berlin und die Neue Pinakothek in München zählen zu den Museen, die alsbald von der Leidenschaft und dem Mäzenatentum dieser Sammler profitierten. In beiden Häusern gehören die Werke von Manet, Monet & Co. zu den Glanzlichtern des Bestandes.

Weniger bekannt ist, dass es Anerkennung auch in umgekehrter Richtung gab. Max Liebermann, Haupt des „deutschen“ Impressionismus, wurde durch den Ankauf seines Gemäldes „Biergarten in Brannenburg“ seitens des Musée du Luxembourg im Jahr 1895 geehrt. In diesem Museum der zeitgenössischen Kunst fand sich Liebermanns Bild unter denen seiner französischen Kollegen der Freiluftmalerei wieder.

„Liebermann und Frankreich“ ist das Thema der Ausstellung, mit der die Liebermann-Villa am Wannsee ein großes Thema ins Visier nimmt. Der „Biergarten“ ist quasi das Hauptstück, kommt er doch nun als Leihgabe des Musée d’Orsay, das die Bestände des ehemaligen Luxembourg-Museums übernommen hat, nach Berlin. Dazu ist die großformatige „Kartoffelernte in Barbizon“ zu sehen, die Liebermann 1875 in Paris und in künstlerischer Auseinandersetzung mit der Malerei der „Schule von Barbizon“ geschaffen hat. Dementsprechend werden Werke des wesentlich älteren Camille Corot, aber auch von Charles-François Daubigny oder Jean-François Millet gezeigt, die Liebermann als seine Vorbilder betrachtete. Ein weites Feld; überhaupt ist das Thema „für ein Museum mit 170 Quadratmetern Ausstellungsfläche eine große Herausforderung“, wie Kurator Martin Faass im Katalog schreibt. Der muss sich zum Glück nicht an den engen Raum einer Sommervilla halten, sondern macht in elf Beiträgen viele Facetten der lebenslangen Verbundenheit Liebermanns mit Frankreich anschaulich.

Anschaulich sind die Gegenüberstellungen auf den Wänden der für Ausstellungszwecke zu kleinen Zimmer der Villa gleichwohl. Der 1847 geborene Großbürgersohn Liebermann ging nach dem Studium in Weimar 1873, nur zwei Jahre nach dem für Frankreich so bitter geendeten Krieg mit Preußen, nach Paris und blieb dort fünf Jahre lang, auf der Suche nach Anregungen, Gleichgesinnten und vor allem Anerkennung. Die fand er nach langer Durststrecke erst Jahre später. 1882 konnte er seinen Eltern vom allerersten, allein ihm gewidmeten Beitrag in einer französischen Kunstzeitschrift berichten, mit den halb stolzen, halb ironischen Worten: „Ich send’ Euch diese Rezension / von Eurem einst verkannten Sohn, / Der réellement – damit Ihr’s wißt – / est un des nos plus grands artistes.“

Das war immerhin ein paar Jahre, bevor Max Liebermann in Deutschland vergleichbare Wertschätzung zuteil wurde. Aber auch die Maler der Künstlerkolonie von Barbizon standen ja in ihrem Heimatland am Rande des offiziellen Kunstbetriebs, der sich rings um den alljährlichen Pariser „Salon“ als Leistungs- und Verkaufsschau mit bis zu 4000 Ausstellungsstücken abspielte. Mit der – darum so genannten – „Salonmalerei“ der gefälligen Genrestücke und Portraits hatten die ins Dörfchen Barbizon und den felsigen Wald von Fontainebleau ausgeschwärmten Pleinairisten nichts im Sinn, und Liebermann wurde zu Hause ganz ähnlich für seine als „unwürdig“ angesehenen Alltagsszenen abgelehnt.

Diese Zurückweisung mag allerdings auch an der wesentlich roheren, „unfertigeren“ Malweise des Deutschen gelegen haben. Die Vergleiche, die die Ausstellung am Wannsee ermöglicht, sind erhellend. So wirkt Jules Bastien-Lepages Landschaft „Der Weiher von Damvillers“ von 1883 – das aus dem Wuppertaler Von der Heydt-Museum entliehen werden konnte – komplexer in der Komposition und feiner im Pinselstrich als die nahezu gleichzeitige „Schafherde“ Liebermanns.

Gleiches lässt sich für den Vergleich des französischen Impressionismus, vertreten durch Claude Monets „Waldweg“ von 1865 oder zwei schöne Werke von Camille Pissarro aus den 1870er Jahren, mit Liebermanns reifem Stil ab etwa 1900 sagen. Liebermanns Duktus ist flächiger, gröber, erweist sich stets als Fortentwicklung der dunkeltonigen Bilder seiner Frühzeit. Der herausragende „Biergarten in Brannenburg“ allerdings verrät das sichere Auge der damaligen französischen Ankaufskommission.

Man muss aber auch sagen, dass die Ausstellung der Kunst Liebermanns mangels Platz und entsprechenden Bildern nicht gerecht werden kann; freilich den französischen Anregern ebenso wenig. Das Thema ist kraftvoll gesetzt, es gibt gute Bilder zu sehen und erhellende Vergleiche zu ziehen. Doch erst bei der Lektüre des ausgezeichneten Katalogs wird so recht deutlich, was ein größeres Haus aus diesem ambitionierten Gegenstand machen könnte und auch müsste.

Liebermann-Villa am Wannsee, Colomierstraße 3, bis 12. August. Tgl. außer Di 10–18, Do, So u. Feiertags 10–19 Uhr. Der Katalog (Imhof Verlag) kostet 24 €.

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