Kultur : Der verlorene Klang

Beseelt: Das Karajan-Gedenkkonzert der Berliner Philharmoniker mit Anne-Sophie Mutter

Frederik Hanssen

Ob ihm das gefallen hätte? Das Konzert zum 100. Geburtstag Herbert von Karajans beginnt grußlos. Kein Bundespräsident spricht, weder die Intendantin der Berliner Philharmoniker noch einer der Musiker würdigt die Rolle des Dirigenten, selbst Idee und Zweck der 1972 von Karajan gegründeten Orchester-Akademie, die den Erlös dieses Benefizabends erhält, werden nicht erläutert. Stumm lächelnd betreten zwei seiner engsten Künstlerfreunde das Podium: Anne-Sophie Mutter, von 1976 bis zu seinem Tod 1989 Karajans alleinige Violinsolistin im Konzertsaal wie im Plattenstudio; sowie Seiji Ozawa, Ende der fünfziger Jahre Karajans Schüler, seit 1966 regelmäßiger Gastdirigent der Philharmoniker und seinem Lehrer in Verehrung zugetan – unvergesslich das Foto der beiden von 1981 in den Kulissen der Pariser Oper mit Karajan als Zen-Meister auf dem Sofa und Ozawa zu seinen Füßen.

Anne-Sophie Mutters Wahl ist auf das Stück gefallen, das sie am häufigsten mit Karajan spielte: Beethovens Violinkonzert, und sie beeindruckt mit einem perfekt konservierten Karajanschen Klangideal: In goldenes Abendlicht getaucht ist der Eröffnungssatz, der Gestus klassisch-festlich statt revolutionär-feurig, Ozawa koordiniert das Geschehen ganz im Geiste des Geehrten, der dafür berühmt war, seine Solisten auf Händen tragen zu können. Breit, sehr breit dehnt Mutter das Larghetto, eine Weihefeier des ebenmäßigen Schönklangs, die dem Publikum den Atem verschlägt.

Freilich explodieren die Kehlen in der Satzpause danach umso heftiger: Ob die Zuhörer zu Karajans Zeiten auch dieses Ventil brauchten, um sich konzentrieren zu können? Auf seinen CDs klammerte der passionierte Studiomusiker dieses Risiko von vornherein aus. Anne-Sophie Mutter endet mit einem Rondo von aristokratischer Eleganz: Musik wie ein edles Mahagonimöbel, eines ohne scharfe Kanten, mit sorgfältig abgerundeten Ecken.

Simon Rattle erzählt gerne, wie ihm Karajan einst seine Vorstellung vom idealen Orchesterklang erklärt hat. Das sei wie mit einem englischen Rasen: Wenn du ihn kaufst, hat er noch nicht den letzten Schliff, da musst du jahrelang zwei Mal am Tag sprengen und wöchentlich mähen. Auch wenn er Brite ist, interessiert sich der aktuelle Philharmoniker-Chef weniger für akkurat ausgerichtete Halme als vielmehr für die Wurzeln. Ebenso wie Karajans direkter Nachfolger Claudio Abbado wünscht sich Rattle in seinem Klanggarten Artenvielfalt, und das kann man bei Tschaikowskys sechster Sinfonie auch hören: Seiji Ozawa gestaltet eine prachtvolle „Pathétique“, mit grandios aufgebauten Steigerungen im Kopfsatz, gefolgt von einem katzenhaft geschmeidigen Tanzsatz.

Im Allegro molto vivace aber springt den Hörer dann der Unterschied zwischen dem heutigen Geist des Orchesters und den Berliner Philharmoniken der späten Karajan-Ära geradezu an: Den rasant-kleinteiligen Passagen am Beginn fehlt die militärische Präzision der achtziger Jahre, dafür aber hat der Ensembleklang so viel mehr an Seele gewonnen. Und einen Unterleib. Kein Wunder, dass die Marsch-Apotheose zur Parade der Lebensfreude werden kann, bevor das Lamento-Finale dann wieder ganz Seiji Ozawa gehört: Er macht ein emotionsgeladenes „in memoriam“ daraus, einen Gruß aus übervollem Herzen an einen, seinen Helden.

Mutter, Ozawa und die Philharmoniken gehen auf Tour nach Paris, Luzern, Wien und Salzburg. Das Wiener Konzert wird am 5. April auf Arte gesendet.

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