Kultur : Der verlorene Sohn

Wer erschoss wen? Christoph Heins Roman über Wolfgang Grams – als Bühnenstück im Gorki

Jan Oberländer

Da ist etwas vorbei, das ist deutlich zu sehen. Katrin Frosch hat eine vergilbte Küche gebaut, in der die Vergangenheit sich an den staubigen Leerstellen sammelt, die Schränke und Bilder an den Wänden hinterlassen haben. Ein Zuhause? Eher ein Gefängnis. Vor dem Milchglasfenster eine weiße Spitzengardine, sie sieht aus wie ein Maschendrahtzaun.

Am Tisch sitzt der pensionierte Schuldirektor Richard Zurek (Andreas Leupold) und brütet. Sein Sohn Oliver, der als Terrorist gesucht wurde, ist bei der Verhaftung ums Leben gekommen, auch ein Polizist starb. Wer erschoss wen: die Polizei versehentlich ihren Kollegen und den Terroristen per Kopfschuss? Der Terrorist den Polizisten und dann, stürzend, sich selbst? Richards Frau Rike (Friederike Kammer), Sohn Heiner (Florian Stetter) und Tochter Christin (Katrin Grumeth) spielen die Schussfolge nach: „Bang“. „Bangbang“. Die offiziellen Versionen wechseln ständig, Beweismittel werden verschlampt, der Innenminister tritt zurück, der Generalbundesanwalt muss gehen. Trotzdem wird die Akte irgendwann geschlossen, Oliver gilt als Mörder und Selbstmörder. Der Staat hat Recht gesprochen. Aber Richard glaubt ihm nicht.

Gut, wenn ein Theaterstück wie diese Übernahme des Schauspiels Frankfurt ans Maxim-Gorki-Theater plötzlich in die aktuelle Debatte passt. Besser noch, wenn sich Armin Petras’ Inszenierung von Christoph Heins Schlüsselroman „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ (2005) schräg zu dieser Debatte stellt. Heins literarische Beschäftigung mit dem Tod des RAF-Mitglieds Wolfgang Grams 1993 in Bad Kleinen fragt nur auf den ersten Blick danach, wer eigentlich wen getötet hat. Sie fragt genau wie die von Dramaturg Jens Groß zum Kammerspiel gestraffte, doppelbödig ausgedeutete Spielfassung ganz grundsätzlich nach dem Verhältnis von Bürger und Staat. Und überträgt dies auch auf den Mikrokosmos der Familie.

Das Urteil gegen seinen Sohn lässt Richard, sein Leben lang überzeugter Beamter, am Staat zweifeln und an den eigenen Idealen. Wenn der Staat lüge, sagt Richard, zerstöre er, „was die Demokratie begründet: das Vertrauen, ohne das eine Gemeinschaft nicht lebensfähig ist“. Richards existenzielle Verunsicherung spiegelt sich im Bild der verlorenen Kindheit. Eine mit dickem Schaumstoff isolierte Tür führt in Olivers Kinderzimmer, ein Kabuff mit Tippkickfeld, Clownspuppe und Styroporbundesadler. In einer berührenden Szene verkriecht sich Zureks staatsgläubige Tochter Christin in diesen Raum, erschöpft von den familiären Konflikten. Waren es die falschen Bücher, die Oliver in die Radikalität trieben? Die falschen Freunde? Früher haben die Kinder „jeden Nachmittag hier in unserem Garten gespielt“, davon ist jetzt nur noch ein Sandhaufen übrig. Er sieht aus wie ein Grabhügel.

Christin lässt den schlaffen Clown am ausgestreckten Arm durch den Raum fliegen – und den Adler als Todesvogel. Staat fressen Unschuld auf: eine eingängige Symbolik auch dann noch, als Richard einen Dartpfeil auf den Bundesvogel wirft. Die Kämpfe, die Richard samt Anwalt (Gunnar Teuber) mit dem Staatsapparat austrägt, sind höchstens Nadelstiche, auch wenn bei der Wiederaufnahme des Falls festgestellt wird, dass weder Selbst- noch Fremdtötung bewiesen werden können. Aber Richard macht sich nichts aus juristischen Details. Er will Gerechtigkeit – und seinen Sohn zurück. Richard steht auf. Das erste Mal. Er hält eine Abschlussrede, ein gebrochener, gewaltloser Kohlhaas: „Da der Staat seine eigenen Gesetze nicht wahrt, bin ich von meinem Amtseid entbunden“. Großer Applaus.

Wieder am 4. und 20. 5., 19. Uhr 30

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