Kultur : Der verlorene Vater

Der Mann, der die Jungs liebte: „L.I.E.“, das Spielfilmdebüt von Michael Cuesta

Susanna Nieder

Von der Autobahnbrücke aus erinnert der Long Island Expressway an ein Förderband, über das sich ein endloser Strom von Autos wälzt, drei Spuren Richtung New York, drei zu den Vorstädten hin. Auf dem Geländer balanciert der 15-jährige Howie Blitzer. Vor kurzem ist seine Mutter tödlich verunglückt, Ausfahrt 52.

„L.I.E“ (kurz für Long Island Expressway) erzählt von Howies Gratwanderung zwischen Pubertät und Erwachsenwerden. Leicht hätte er es auch ohne den Tod seiner Mutter nicht gehabt. Er ist viel gebildeter als seine Kumpels, aber auch unschuldiger. Sein bester Freund ist ausgerechnet das Gossengewächs Gary, der jeden so lange um den Finger wickelt, wie er selber einen Vorteil davon hat. Die unsicheren Gespräche über Sex, die Einbrüche aus Langeweile, bei denen er mitmacht, um dazuzugehören – das geht so lange gut, bis sie sich das Haus von Big John vornehmen.

Der 40-jährige Regisseur Michael Cuesta fasst in seinem Spielfilmdebüt ein heikles Thema an: Big John steht auf kleine Jungs. Das müsste ihn verabscheuungswürdig machen, doch das Gegenteil ist der Fall. Brian Cox, zuletzt zu sehen in Spike Lees „25 Stunden“, spielt diese schillernde Gestalt mit wunderbar sinnlicher Zurückhaltung. Statt das Vakuum auszunutzen, das Howies Vater hinterlässt, nähert Big John sich dem Jungen behutsam und mit Anteilnahme. Howie kann sich seinem Charme nicht entziehen; keiner kann das, auch nicht die Wachpolizisten, mit denen der Ex-Marine und Vietnamveteran die besten Beziehungen pflegt.

Was Big John vorhat, weiß man bis zum Ende nicht genau. Der Regisseur und sein Ko-Autor Steve Ryder erzählen die Geschichte aus Howies Perspektive – und loten dabei exakt die Untiefen der Pubertät aus. Wie man sich nach mehr Freiheit sehnt, als man erträgt, und Erklärungen sucht, aber die Dinge nicht wirklich einordnen kann. Paul Franklin Dano als Howie und Billy Kay als Gary spielen das sehr überzeugend. Den Eindruck, dass sie sich in einer anderen Zeitzone bewegen als die restliche Welt, erhöht der bisherige Werbefilmregisseur Cuesta, wenn er Wolken über den Himmel rasen und Blätter zittern lässt wie Espenlaub.

Man könnte ihm vorwerfen, dass Big John viel liebevoller gezeichnet ist als Howies Vater (Bruce Altman), ein tumber Geschäftsmann mit Dreck am Stecken und einer Tussi im Bett, die ihm über den Verlust seiner Frau hinweghelfen soll. Andererseits ist der Vater eben so dargestellt, wie Howie ihn wahrnimmt. In den USA wurde „L.I.E.“ mehrfach ausgezeichnet, aber erst ab 17 freigegeben (in Deutschland ab 12) – ein Urteil, das wie eine Bestrafung für die sympathische Darstellung eines Päderasten wirkt.

Babylon Kreuzberg (OmU), Boradway, Cinestar Sony Center (OV), Filmkunst 66, FT Friedrichshain, Kulturbrauerei, Xenon

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