Kultur : Der vermisste Ton

KLASSIK (2)

Isabel Herzfeld

„Wir haben ihn alle heiß und innig geliebt“, sagt Christian Tetzlaff zu Beginn: Er muss den Tod des Freundes Boris Pergamenschikow ankündigen, der in diesem Kammerkonzert mit ihm auf dem Podium stehen wollte. So liegt Trauer über diesem ganzen Beitrag zum Janácek-Dvorák-Zyklus im Konzerthaus Berlin . Ein Ton wird vermisst, eine ganz spezifische Farbe. Wie zum Gedenken des großen Cellisten geschrieben, erscheint die Klaviersonate, mit der Leoš Janacek unter dem Titel „1. X. 1905“ einen anderen Tod benennt: Der Komponist wurde Augenzeuge, wie ein junger Tischlergeselle bei Demonstrationen in Brünn gegen die österreichische Vorherrschaft getötet wurde. Was er als „Vorahnung“ und „Tod“ in Musik fasst, gewinnt unter Martin Helmchens Händen berührende Intensität. Ein differenziert abgestuftes Gewebe, in dem raue Rhythmen die melancholische Melodik unterminieren, sich zum Aufschrei steigern und zusammensinken. Weniger sensibel zeigt sich zunächst Alexander Lonquich als Klavierpartner der für Pergamenschikow eingesprungenen Tanja Tetzlaff. Janáceks „Pohádka“ jedenfalls kommt nicht recht in Gang, erst im wild repetierenden „Presto“ ist die Balance an Kraft und Dynamik zwischen Cello und Klavier erreicht. So ist der Geiger Christian Tetzlaff die Seele des Abends, reißt die Cellistin mit in den Strudel des Duos Nr. 1 von Bohuslaw Martinu. Wie wunderbar die beiden Musiker abgestimmt sind, zeigen schlackenlose Unisono-Partien auch in Antonín Dvoráks Klaviertrio f-moll op. 65, in dem jetzt auch Lonquich den gebührenden Platz als energischer Impulsgeber und feinsinniger Kolorist einnehmen kann.

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