Kultur : Der Vermittler

Lajos Kassák – eine Doppelausstellung in Berlin

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Reichlich zwei Monate hat es gedauert, bis der Katalog zur Mitte Juni eröffneten Doppelausstellung des ungarischen Konstruktivisten Lajos Kassák in der Berlinischen Galerie und im Centrum Hungaricum nachgeliefert werden konnte. Es ist ein sehr schönes Buch geworden, in einer Gestaltung, die diesem Künstler sowohl des Bildes als auch des Wortes alle Ehre macht. Als „Botschafter der Avantgarde 1915–1927“ wird Kassák in der Berliner Präsentation gewürdigt und damit auf den zwar wichtigsten Abschnitt seines Lebens, aber eben auch nur auf diesen beschränkt. Kassák, geboren 1887 in der heutigen Slowakei und im Alter von 80 Jahren in Budapest verstorben, litt beinahe ein Leben lang unter Repression, Rassismus, Parteiausschlüssen und Arbeitsverboten. Seine beste, vor allem unbeschwerteste Zeit hatte er in Wien, wohin er nach dem Zusammenbruch der ungarischen Räterepublik 1920 emigrierte und bis 1926 blieb. Von Wien aus, wo er die von ihm 1916 begründete Zeitschrift „Ma“ fünf Jahre lang publizierte, knüpfte er ein dichtes Netz von Kontakten quer durch Europa, von Paris bis Bukarest, einem heute vergessenen Brennpunkt der Avantgarde. 1926 ging er nach Budapest zurück und setzte seine publizistische Tätigkeit, die sich zuvor ganz auf „Ma“ gerichtet hatte, in seiner Heimat fort, unter zunehmenden Anfeindungen von rechts, aber auch seitens der stalinistischen KP, als er gegen den Terror in der Sowjetunion der dreißiger Jahre seine Stimme erhob.

Kassák ist nicht leicht zu fassen. Seine Bedeutung liegt weniger in der künstlerischen Produktion als in der Vermittlung. Er liefert Titelbilder für die Berliner Zeitschrift „Sturm“, für „Ma“ und deren kurzlebige Nachfolgerin „Momentum“, er entwirft Bühnenbilder und sogar einen Zeitungskiosk. In den Vitrinen der Berlinischen Galerie kommt das dichte Netz der Avantgarde-Zeitschriften zur Anschauung, die vom amerikanischen „Broom“ (Besen) bis zum russischen „Weschtsch“ (Gegenstand) reichen – beide übrigens zeitweise auch in Berlin gedruckt, als die Inflation der Reichsmark jeden Devisenbesitzer zum Krösus machte.

Nach Budapest zurückgekehrt, löste sich Kassák von der Moderne. Es gab dafür, wie er feststellen musste, in Ungarn kein Publikum. Stattdessen wandte er sich mit seiner Neugründung „Munka“ (Arbeit) an eine Leserschaft aufgeschlossener Arbeiter und trat fortan im Blaumann auf. „Für meine Generation“, so János Can Togay, Direktor des Collegium Hungaricum, bei der Ausstellungseröffnung in Berlin, „war Kassák in den sechziger Jahren ein Leuchtturm – der Beweis, dass man eine Zukunft erkämpfen kann.“ Bernhard Schulz

Berlinische Galerie bis 17. Oktober, Collegium Hungaricum bis 25. September, Katalog 20 €.

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