Kultur : Der vernünftige Prophet Dietrich Fischer-Dieskau zum 85. Geburtstag

Georg-Albrecht Eckle
Uomo universale. Dietrich Fischer-Dieskau, geboren 1925 in Berlin. Foto: dpa
Uomo universale. Dietrich Fischer-Dieskau, geboren 1925 in Berlin. Foto: dpaFoto: dpa

Für Generationen ist Dietrich Fischer- Dieskau so etwas wie das Medium einer besseren Welt gewesen. Müßig, die Kataloge seines Ruhms hier erneut auszubreiten oder gar tabellarisch an all seine Partien und Platten, Würdigungen, Preise und Ehrenbürgerschaften zu erinnern. Der Mann ist eine Ikone, ein Monolith, und wenn er heute seinen 85. Geburtstag feiert, dann fragt man sich ehrfürchtig staunend, wie es kommt, dass seine Größe nach wie vor so lebendig ist. Fischer-Dieskau habe den Nachkriegsdeutschen erstmals wieder „Ahnungen des Endgültigen“ beschert, schrieb Joachim Fest schon zu seinem Sechzigsten. Das haben sie sich gut gemerkt.

Seit er nicht mehr singt und als Rezitator, Dirigent, Maler und Lehrer altersgemäß seltener im Rampenlicht steht, hat der gebürtige Berliner seine Präsenz im musikalischen Bewusstsein kaum eingebüßt. Alle, die ihn in den Zeiten seiner unerhörten Aktivität auf den Konzertpodien und auf der Opernbühne erlebten, haben buchstäblich mit ihm gelebt. Dieskau ging in die Geschichte ein, weil er bewirkte, was weit über Gesang, über Musik, ja über Kunst hinausreichte in das, was man mit Schiller „ästhetische Erziehung des Menschen“ nennen kann – und was zwangsläufig politisch war und ist. Wer sich in den Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren mit Schubert, Schumann, Brahms oder Hugo Wolf identifizierte, in Dieskaus Interpretationen, der war für die Wirklichkeit imprägnierter und durchlässiger zugleich.

Fischer-Dieskau hat gezeigt, dass Musik denkt, wenn der Interpret denkt – und dass so etwas wie Geist nur dann sinnlich wahrnehmbar wird. Einige mochten das nicht, legten seinen Ansatz auf die belcantistische Goldwaage, nannten ihn etwas mitleidig einen „cantor doctus“ oder sprachen von einer „Totalisierung des Vortrags“ (was so viel meint wie den Sieg des Sängers über das Gesungene). Um diese Ebenen aber geht es längst nicht mehr. Dieskau war, um es pathetisch zu formulieren, nichts weniger als der Sänger in uns, das verkörperte Spirituelle. Dass eine solche Monopolstellung auch Schatten wirft, andere und anderes verdrängen musste, damit könnte sich die Musikwissenschaft in Zukunft einmal beschäftigen (wenn die Geschichte der Interpretation denn eines Tages als akademischer Fachbereich anerkannt würde).

Der junge, noch reichlich pausbäckige Dieskau verlieh dem geschändeten deutschen Geist nach dem Untergang eine subtile und dadurch plötzlich ganz starke Stimme. Der Liederabend wurde zur Kirche ohne Pathos und Ideologie, der Sänger predigte. Schuberts „Winterreise“ mit Dieskaus „Oboenstimme“, diesem hellen, weichen, Vokale wie Konsonanten auskostenden, ja kosenden Bariton: Deutschland hing an seinen Lippen, im Lyrischen lag Hoffnung und der Glaube an eine mögliche Zukunft.

Fischer-Dieskaus Stimme ist immer die eines vernünftigen Propheten gewesen und als solche auch verstanden worden. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Solange er da ist, lebt – bei allen Berührungsängsten des Künstlers dem Neuen, Modernen, oft auch nur Modernistischen gegenüber – ein Stück Ethos in der Kunst. Viele hundert Schallplattenaufnahmen halten das für jene Generationen fest, die ihn leibhaftig nicht mehr erleben konnten. Die angemessene Gratulation zum heutigen Tag? Vielleicht mit Goethe, Dieskau hat dieses Wolf-Lied stets mit unverwechselbar verschmitztem Lächeln gesungen: „So sollst du muntrer Greis / Dich nicht betrüben / Sind gleich die Haare weiß / Doch wirst du lieben …“ Georg-Albrecht Eckle

Die Deutsche Grammophon und Audite gratulieren Dietrich Fischer-Dieskau mit zwei CD-Sondereditionen.

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