Kultur : Der vierte Abend im Kammermusiksaal der Philharmonie

Jörg Königsdorf

Der Weg zu Beethoven ist für die meisten Pianisten lang und führt nur für wenige zum Ziel. Der Kanadier Louis Lortie hat die 32 Klaviersonaten seit einigen Jahren im Repertoire und inzwischen sogar eine Gesamtaufnahme eingespielt. Solide, klare Aufnahmen sind das, die jedoch nur wenig Individualität zeigen. Der vierte Abend seines Beethoven-Zyklus im Kammermusiksaal der Philharmonie bestätigt diesen Eindruck eher, als von einer am Werk gewachsenen Interpretenpersönlichkeit zu künden: Ein matt erinnerndes "Ja, so war das damals" liegt wie ein klanglicher Grauschleier über den vier Meisterwerken opus 26 bis 28, mit denen der kaum 30jährige Neutöner Beethoven die klassische Sonatenform provokativ in Frage stellte. Lortie ist ein lyrischer Pianist, seine besten Momente hat er in den liedhaften Passagen, für die er einen schönen singenden Ton und feine Schattierungen findet. Das gestalterische Format, das ein Beethoven-Spieler zuallererst braucht, zeigt er an diesem Abend nicht: Schon die Variationen im Kopfsatz von opus 26 schnurren lediglich geläufig ab, besitzen nicht die Vergegenwärtigungskraft spontaner Belichtungswechsel, andauernder Infragestellung des kompositorischen Materials. Die disparaten Sätze zu einer inneren Logik zu verknüpfen, kann ihm unter solchen Voraussetzungen nicht gelingen: In keinem Moment verleiht Lortie den Akkorden des Trauermarsches die schneidende Unerbittlichkeit, die den geisterhaft flatternden Leerlauf-Charakter des Rondo-Finales begründen würde. Lorties Weg ist noch weit - ist er überhaupt der richtige?

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